LKZ: Leuchtfeuer markieren Castor-Widerstand
Ludwigsburger Kreiszeitung, 21.11.05
> Leuchtfeuer markieren Castor-Widerstand
> Kernkraftgegnern gelingt es, den Atommüll-Transport für 100 Minuten zu
stoppen
Bietigheim-Bissingen - Karl Ulrich Stolz von der Bundespolizei ist
Einsatzleiter der Begleitmannschaft des Atommüllzuges. Er hat Verständnis
für den Protest. Nur: wer sich auf Schienen begebe, gefährde nicht nur
sich selbst. Die Atomkraftgegner im Kreis dagegen sehen mit dem gestrigen
Castor-Stopp ihren bisher größten Erfolg im Kampf gegen die Atomkraft.
30 Minuten bevor der 650 Meter lange Castor-Zug den Bahnhof Bietigheim
erreicht, überfliegt ein Hubschrauber der Bundespolizei um 15.47 Uhr die
Bahnlinie in Richtung Besigheim. Die Besatzung kann nichts Verdächtiges
ausmachen. Der Zug mit den zwölf Atommüllbehältern fährt aus Richtung
Karlsruhe kommend in den Bahnhofsbereich ein. Wenig später folgen fünf
weitere schwere Diesellokomotiven.
Rings ums Bahngelände sichert eine Hundertschaft der Bundespolizei,
verstärkt durch örtliche Polizeikräfte, den Bereich mit Hunden und
Streifen. Auf den Bahnsteigen herrscht normaler Betrieb. Keine Spur von
Demonstranten. 16.10 Uhr setzt sich der über 3000 Tonnen schwere Zug dann
wieder in Bewegung und rollt in Richtung Besigheim. Augenscheinlich wurde
am Zug nichts verändert. Zu diesem Zeitpunkt kriechen zwölf
Atomkraftgegner auf Höhe des Klärwerks, einen Kilometer von der
Sandsiedlung entfernt, aus den Büschen, stellen Fackeln und Leuchtfeuer
auf die Gleise.
Auch ein kleiner Kosmetikkoffer bleibt auf den Schienen liegen, der
später noch die Sprengstoffexperten der Polizei beschäftigen wird. Zwei
Hubschrauber überfliegen die Gleisstrecke in Richtung Besigheim wenige
Minuten vor dem Zug. Auf dem Parallelgleis verlässt ein Regionalexpress
den Bahnhof und fährt ebenfalls in Richtung Besigheim. Eine
Hubschrauberbesatzung erkennt die Leuchtfeuer, lässt die Züge stoppen.
Jetzt springen die Blockierer auf die Gleise und rennen in Richtung des
gestoppten Castor-Zuges, um sich wenige hundert Meter vor der Lokomotive
auf die Gleise zu setzen. Beamte der Begleitmannschaft umringen die
Blockierer, Hubschrauber kreisen über der Stelle. Die Beamten fordern die
Blockierer auf, die Gleis zu verlassen. Nach dreimaliger Aufforderung
packen sie zu und tragen die Männer und Frauen weg. Sie werden
festgehalten. Ihre Personalien werden registriert. Um 18.15 Uhr sind die
Blockierer wieder auf freiem Fuß. Schon wenige Minuten zuvor ist der
Castor-Zug langsam an ihnen vorbei gerollt.
Der neunte Castor-Transport war am Samstagabend von der Verladestation
Valognes der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague gestartet. Auch im
Wendland setzten gestern Demonstranten ihre Proteste mit kleineren
Aktionen fort. Am Samstag hatten in Hitzacker an der Elbe rund 3100
Menschen gegen den Transport demonstriert. Sie forderten den Stopp der
Atomtransporte und das Abschalten aller Atomanlagen auf der Welt.
Alfred Drossel