AP: Bürgerinitiative mit Castor-Protest zufrieden
AP, 22.11.05
> Bürgerinitiative mit Castor-Protest zufrieden
Gorleben (AP) Die Proteste gegen den Castor-Transport haben nach
Auffassung der Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg das ungelöste
Problem der Atommüllentsorgung erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Es
sei ein Erfolg der Demonstranten, dass die Politik erstmals nach einem
Transport nicht über den Castor, sondern «über das nicht vorhandene
Endlager für den Jahrtausende strahlenden Atommüll» debattiere, sagte BI-
Sprecher Francis Althoff am Dienstag bei Gorleben. Der Salzstock Gorleben
scheide wegen seiner Geologie aber als Endlagerstandort aus.
Beim Atommüll trage die neue Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht nur
Verantwortung für die nächsten vier, sondern für eine Million Jahre. Eine
Endlagerung von Atommüll in Salz sei nur verantwortbar, wenn das
Salzvorkommen über wasserdichtes Deckgebirge aus Ton und Gips verfüge.
Dieses unverletzte Deckgebirge sei aber in Gorleben nicht vorhanden.
Die BI-Mitgründerin und langjährige Vorsitzende Marianne Fritzen betonte
zum Abschluss der Aktionen, auch beim neunten Castor-Transport in das
Zwischenlager Gorleben hätten die Proteste keineswegs an Kraft verloren.
Der Widerstand sei im Gegenteil vielfältiger geworden.
Joch Stay, Sprecher der Aktion «X-tausendmal quer», sah in den Protesten
«ein Signal an die neue Bundesregierung» dafür, dass die weitere
Atommüllproduktion auch zu weiterem Widerstand im Landkreis Lüchow-
Dannenberg führen werde. In der Nacht zum Dienstag hätten sich im Raum
Gorleben über 1.000 Menschen an Blockadeaktionen beteiligt. Über einen
Zeitraum von zehn Stunden hätten sie auf Schleichwegen immer wieder die
Polizeisperren umgangen und sich in größeren Gruppen auf die Castor-Route
gesetzt.
Nach Angaben der Sprecherin der «Bäuerliche Notgemeinschaft», Susanne
Kamien, machten vier Ankettaktionen den Straßentransport der zwölf
Atommüllbehälter von Dannenberg nach Gorleben für elf Stunden unmöglich.
In der Ortschaft Grippel vor Gorleben hätten sich Castor-Gegner mehrfach
in mit Traktoren verbundenen Betonklötzen, mit Beton gefüllten
Treckerreifen oder Fässer angekettet.
Kamien musste nach eigenen Angaben im Zusammenhang mit den Ankett-
Aktionen einen handgreiflichen Konflikt zwischen Polizeibeamten
schlichten. Einem Konfliktmanager der Polizei, der im Umfeld eines
Traktors mit daran angeketteten Demonstranten für einen besonnen Einsatz
eingetreten sei, hätten zwei Kollegen aus Berlin mit der Faust ins
Gesicht geschlagen. Im Zuge der Auseinandersetzung hätten sich zwei
Beamte gegenseitig Strafanzeigen angedroht.
Nach einer Bilanz des Sanitätsdienstes der AKW-Gegner wurden bei den
viertägigen Protesten gegen den Atommülltransport 14 Demonstranten
verletzt, davon vier schwer. Nach Polizeieinsätzen sei ein Castor-Gegner
mit einem Kieferbruch, ein weiterer mit Verdacht auf Jochbeinbruch ins
Krankenhaus eingeliefert wurden. Eine 15-Jährige schilderte, wie ihr nach
der Blockade eines Fahrzeugs der Bundespolizei unweit ihres Elternhauses
Pfefferspray ins Gesicht gesprüht wurde.
Nach Angaben der Rechtshilfe Gorleben wurden bei den Protesten 70 AKW-
Gegner von der Polizei vorübergehend in Gewahrsam genommen. In keinem
Fall habe es jedoch die für eine Ingewahrsamnahmen notwendige
richterliche Bestätigung gegeben, sagte Rechtsanwältin Ulrike Donat.