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AP: Der Castor erschöpft Freund wie Feind



AP, 22.11.05

> Der Castor erschöpft Freund wie Feind

Gorleben (AP) Kurz vor Schluss des neunten Castor-Transportes in das 
Zwischenlager Gorleben waren die Atomkraftgegner aus dem 
niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg dann doch noch für eine 
Überraschung gut. Störungsfrei wie nie rollte die Atommülllieferung aus 
der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague zunächst zwei Tage lang durch 
Frankreich und Deutschland. Doch dann versperrten am Montagabend keine 
zehn Kilometer vor dem Ziel vier eigenwillige Mensch-Maschine-
Konstruktionen den Weg, die die Polizei noch einmal herausforderten.

In den auf der Castor-Route kurz vor Gorleben gelegenen Ortschaften 
Langendorf und Grippel hatten die Castor-Gegner zwei Traktoren, zwei 
ausgediente Leichenwagen, Beton und annähernd zwei Dutzend angekettete 
Demonstranten zu nur schwer überwindbaren Hindernissen kombiniert. Auch 
Spezialisten wie die mit Flex, Schneidbrenner und Werkstattwagen 
ausgerüstete Technische Einsatzeinheit der Hamburger 
Bereitschaftspolizei, abgekürzt «LBP43 TEE», brauchten am Ende elf 
Stunden, um die Route für die zwölf Behälter mit hochradioaktiven Müll 
passierbar zu machen.

Am Ende war der neunte Castor-Transport nach Gorleben mit insgesamt 60 
Stunden und 35 Minuten insgesamt sogar eine knappe halbe Stunde länger 
unterwegs als der achte. Dabei konnten die Hamburger Spezialisten das 
erste Hindernis - einen alten Leichenwagen mit der Aufschrift 
«Bestattungsinstitut Gädke & Jirjahn Erde Feuer See» - schon nach 
eineinhalb Stunden überwinden. Auf der Ladefläche des alten Ford befand 
sich neben einer weitern AKW-Gegnerin der 19-jährige Moritz A. aus 
Münster, dessen Arm in einem mit Beton ausgegossenen Fass steckte, das 
wiederum durch eine Loch im Boden des Leichenwagen im Straßenasphalt 
verschraubt war.

Die Polizei schirmte den jungen Mann mit einer Decke ab und ließ dann 
hinten am Rahmen des Leichenwagens mit der Flex die Funken meterweit 
sprühen. Stoßstange und hinterer Holm des Autos wurden herausgetrennt. 
Damit konnte die Polizei erst einmal den Leichenwagen von dem mit Beton 
gefüllten Fass und dem daran hängenden Moritz entfernen. Anschließend 
hebelten die Polizisten das Fass aus der Verankerung im Boden und 
bugsierten es an den Straßenrand. Moritz leistete keinen Widerstand, als 
ein weitere Beamter mit einem langen Draht neben dem Arm im Betonklotz 
stochernd, auch den Ankettmechanismus im Inneren löste.

Auch einen zweiten Leichenwagen mit ähnlicher Vorrichtung beseitigte die 
Polizei auf diese Art. Gravierende Probleme bereiteten ihr allerdings 
zwei Traktoren an deren Heck zwei kubikmetergroße Betonklötze hingen und 
die auch noch Beton in den Rädern hatten. Am einem der Gefährte hatten 
sich gleich elf Personen angekettet. Anstatt ihn zu zerlegen, bugsierten 
es die Ordnungskräfte den letzten Trecker schließlich zentimeterweise zur 
Seite. Hinter den Mensch-Maschine-Hindernissen setzten sich derweil in 
Gorleben immer wieder Castor-Gegner zu Blockaden auf der Straße nieder.

Selbst der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann sprach nach dem 
Transport davon, dass die Beseitigung der Hindernisse der Polizei 
«durchaus Probleme» bereitet habe. 16.000 Beamte waren nach seinen 
Angaben bundesweit zum Schutz des Transport im Einsatz. Der Einsatz wird 
Niedersachsen erneut rund 20 Millionen Euro kosten. Und weil es parallel 
auch noch Fußballspiele, ein Skinhead-Konzert und in Hannover den 
Zapfenstreich für Gerhard Schröder gab, ist die Polizei des Landes nach 
Aussage des Ministers «schon auch an Grenzen geraten». Und weil die 
Fußball WM im nächsten Jahr auch in Hannover ausgespeilt wird, will 
Schünemann seinen erschöpften Beamten jetzt eine Auszeit gönnen und 
Castor-Transporte erst wieder 2007 zulassen.

Eine gewisse Erschöpfung war nach neun Castor-Transporten allerdings auch 
den Atomkraftgegnern aus den Wendland anzumerken. Die Zahl der Blockierer 
ging gegenüber dem Vorjahr erneut leicht zurück. Ankettaktionen und 
Blockaden auf den Gleisen gelangen nur noch selten. Dennoch waren in der 
bitterkalten Nacht zum Dienstag nach Angaben der Polizei im Raum Gorleben 
immerhin noch 1.200 Sitzblockierer unterwegs, die auf verschlungenen 
Pfaden immer wieder in Gruppen auf die Straße gelangten. Die 
Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg will allerdings von einem Abbröckeln 
des Widerstandes nicht wissen und hält sich zugute, erneut vor allem 
gegen ein Endlager in Gorleben protestiert zu haben.