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TAZ: Schneller Atomtransport nach Gorleben



TAZ, 22.11.05

> Schneller Atomtransport nach Gorleben

Gestern war der neunte Transport mit atomarem Müll schon fast am 
Zwischenlager im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg 
angekommen. Polizei räumte Blockaden schnell. Aktivisten fürchten 
Renaissance des Endlagers
AUS GORLEBEN JÜRGEN VOGES

Genau um fünf Minuten vor zwölf erreichte gestern der Castor-Zug mit dem 
radioaktiven Müll aus der Wiederaufarbeitung in Frankreich den Bahnhof im 
wendländischen Dannenberg. Am Nachmittag wurden die zwölf Behälter in der 
Dannenberger Umladestation von den Waggons auf Straßentieflader gesetzt. 
Auch der hartnäckige wendländische Widerstand zweifelte nicht mehr daran, 
dass der neunte Castor-Transport nach Gorleben spätestens bis zum 
Dienstagmorgen das Zwischenlager erreichen würde.

1.000 bis 2.000 überwiegend einheimische Castor-Gegner hatten sich zuvor 
bemüht, die Atommülllieferung zumindest zu verzögern: Bei der Fahrt des 
Zuges quer durch die Republik gab es nach der Ankettaktion bei Bietigheim 
noch mehrere Mahnwachen an der Strecke und zwei kleine Blockaden in 
Göttingen. Auf den letzten 50 Schienenkilometern saßen vor Hitzacker in 
zwei weiteren gewaltfreien Blockaden gut 300 Menschen auf den Gleisen. 
Aber die Polizei räumte die Blockaden schnell.

Obwohl die angekündigte Sitzblockade auf der Straße gestern Nachmittag 
noch vorbereitet wurde, war bereits erkennbar, dass Stärke und Zahl der 
Aktionen im Wendland gegenüber der Castor-Transporte des Vorjahres 
jedenfalls nicht zugenommen hatte. In überraschend großer Zahl zur Stelle 
waren nur die Landwirte der Atomkraft feindlichen wendländischen 
"Bäuerlichen Notgemeinschaft". Bis vier Uhr am Montagmorgen benötigte die 
Polizei, um die Treckerblockade auf der Straße nach Gorleben aufzulösen. 
Dabei beschlagnahmte sie 74 Traktoren.

Auf der Kundgebung in Quickborn, die die Bürgerinitiative eine Stunde 
nach der Ankunft des Zuges veranstaltete, ging es denn auch vor allem ums 
Mutmachen. Die BI-Mitgründerin und langjährige Vorsitzende Marianne 
Fritzen erinnerte vor etwa 500 AKW-Gegnern an die Erfolge, die die größte 
bundesdeutsche Bürgerinitiative in ihrer nunmehr 28-jährigen Geschichte 
erzielt hat. "Wir haben nicht alles, aber wir haben viel erreicht", sagte 
die 81-Jährige. Es gebe weder das einst bei Langendorf an der Elbe 
geplante AKW noch die in Gorleben vorgesehene Wiederaufarbeitungsanlage 
und dort auch "kein funktionstüchtiges Endlager".

Die Bürgerinitiative befürchtet aber, dass das Endlager Gorleben aber 
doch noch kommen könnte. In der großen Koalition gebe es möglicherweise 
bereits eine interne Festlegung auf den Endlagerstandort Gorleben und 
damit auf die sprichwörtlich billigste Lösung, sagte BI-Sprecher Francis 
Althoff. Es sei zu befürchten, dass andere Endlagerstandorte nur noch pro 
forma untersucht würden, sagte Althoff mit Blick auf Äußerungen des SPD-
Umweltpolitikers Michael Müller. Der hatte eine schnellere Endlagersuche 
angekündigt als von Rot-Grün praktiziert. Die rot-grüne Bundesregierung 
hatte das Erkundungsverfahren für das atomare Endlager im Salzstock von 
Gorleben im Jahr 2000 unterbrochen und ein Gesetz für die Suche nach 
einem anderen Standort erarbeitet.

Entschieden wurde darüber vor dem Regierungswechsel nicht mehr.

taz Nr. 7826 vom 22.11.2005, Seite 8, 108 Zeilen (TAZ-Bericht), JÜRGEN 
VOGES