TAZ: Neuer Straßenbeton auf der Castor-Strecke
TAZ, 23.11.05
> Neuer Straßenbeton auf der Castor-Strecke
> Rekord vermasselt: Vier Ankettaktionen verzögern den Atommüll-Transport
nach Gorleben doch noch erheblich. Niedersachsen will Castor-Auszeit
AUS GORLEBEN JÜRGEN VOGES
Teilerfolg für die wendländischen AKW-Gegner: Der niedersächsische
Innenminister Uwe Schünemann hat gestern nach dem neunten Transport von
hochradioaktivem Müll in das Zwischenlager Gorleben eine Castor-Auszeit
für seine Polizei gefordert. Dem wendländischen Atomkraftgegnern gelang
es zuvor durch vier spektakuläre Ankettaktionen, die Lieferung um 12
Stunden zu verzögern.
Schünemann sagte in seiner Bilanz des Großeinsatzes: "Die Polizei ist an
die Grenzen geraten." Mit Blick auf die Belastungen der Ordnungskräfte
durch die Fußballweltmeisterschaft forderte der CDU-Politiker, 2006 auf
einen Castor-Transport zu verzichten. Nach Angaben Schünemanns kostet der
diesjährige neunte Gorleben-Transport Niedersachsen 20 Millionen Euro.
Zum Schutz waren bundesweit 15.896 Polizisten im Einsatz, davon allein
9.400 auf den letzten 20 Kilometern, also auf den Straßen zwischen
Dannenberg und Gorleben.
Der diesjährige Castor war vergangenen Samstag um 17.20 Uhr in der
Normandie gestartet. Gestern Morgen erreichte er das Zwischenlager im
Wald bei Gorleben um exakt 5.55 Uhr - nach 60 Stunden und 35 Minuten.
Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als ob dieser Castor der schnellste
aller Zeiten würde. Doch dann kamen die letzten zehn Kilometer: In der
Nacht zum Dienstag waren bei klirrender Kälte über tausend Castor-Gegner
unterwegs, denen immer wieder Sitzblockaden gelangen.
Vor allem aber entwickelten vier Ankettaktionen enorme Verzögerungen.
Zwei Dutzend AKW-Gegner nutzen Beton zu kaum überwindbaren Hindernissen
für die Polizei. Statt auf den Schienen agierten die Castor-Gegner
diesmal auf der Straße - jeweils Kubikmeter große Betonbrocken waren mit
zwei Traktoren fest verbunden. Die Polizei musste erst die Traktoren
zerlegen, bevor sie die Castor-Gegner aus den Betonblöcken schneiden
konnte. Ähnlich verhielt es sich mit zwei Leichenwagen: In deren
Fahrboden waren Löcher gefräßt, in diesen Löchern waren die Betonklötze -
an der Straße angeschraubt - und in den Betonklötzen steckten die
Demonstranten. Die Polizei brauchte Stunden. Die BI sieht den Protest als
Erfolg, hält sich vor allem zugute, die Debatte über den zum Endlager
ungeeigneten Gorlebener Salzstock neu entfacht zu haben. Der Transport
dauerte eine halbe Stunde länger als die Atommülllieferung des letzten
Jahres.