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ND: Probleme mit dem Rest



Neues Deutschland, 23.08.05

> Probleme mit dem Rest
> Greenpeace-Studie: Die vier Atomkraftwerke, die von einer längeren 
Laufzeit profitieren würden, sind besonders unsicher 
 
Von Steffen Schmidt 
 
Zu den Wahlversprechen der CDU gehört eine Überprüfung der Restlaufzeiten 
der nach dem Atomkonsens abzuschaltenden Atomkraftwerke. Eine am Dienstag 
in Berlin von Greenpeace vorgestellte Studie bescheinigt den vier AKW, 
die davon in den nächsten vier Jahren profitieren könnten, besonders 
krasse Sicherheitsmängel.
Als sich die rot-grüne Bundesregierung und die 
Energieversorgungsunternehmen im Juni 2000 nach zähen Verhandlungen auf 
den so genannten Atomkonsens einigten, in dem vertraglich die Bedingungen 
für die sukzessive Abschaltung aller Atomkraftwerke (AKW) festgehalten 
wurden, legte man für jeden einzelnen Reaktorblock die noch zu 
produzierende Strommenge fest. Unter der amtierenden Regierung wurden auf 
Grund dieser Vereinbarung nur die AKW Stade und Obrigheim geschlossen. In 
den Jahren 2008 bis 2011 würden die beiden Blöcke des AKW Biblis, das AKW 
Brunsbüttel und Block 1 des AKW Neckarwestheim folgen, wenn alles beim 
Alten bleibt. Wenn allerdings – wie allgemein angenommen – nach den 
vorgezogenen Bundestagswahlen CDU und CSU die neue Bundesregierung führen 
werden, könnten zumindest die Restlaufzeiten der AKW neu verhandelt 
werden, egal ob die Union eine Koalition mit der FDP oder der SPD 
eingeht.
Von der anvisierten Verlängerung der Restlaufzeiten wären genau die vier 
Atommeiler betroffen, die nach dem bisherigen Konsens noch in diesem 
Jahrzehnt vom Netz gehen müssten. Diese Reaktoren sind nicht nur die 
ältesten noch laufenden, nach einer Studie der beiden Hannoveraner 
Gutachter Helmut Hirsch und Oda Becker weisen sie auch gravierende 
baubedingte Sicherheitsmängel auf, die sich bei einem Weiterbetrieb nicht 
ohne weiteres durch Nachrüstung beheben ließen.
So besteht nach Aussage von Oda Becker beim Siedwasserreaktor Brunsbüttel 
an der Elbmündung die Gefahr, dass im Falle einer Kernschmelze der 
Reaktorkern nicht nur den Boden des Druckbehälters durchdringt, sondern 
auch die Grundplatte des umschließenden Sicherheitsbehälters, da diese 
ebenfalls nur aus Stahl sei. Das radioaktive Inventar gelangte also im 
Falle eines GAU in die Umwelt. Zu beheben sei dieser Mangel nur durch 
einen faktischen Neubau.
Ähnlich schwer behebbar sind nach Ansicht der Physikerin die Probleme im 
baden-württembergischen Neckarwestheim. Beide Blöcke sind auf einem 
Untergrund errichtet, der größere Hohlräume aufweist. Zudem bestehe in 
der Region ein erhöhtes Erdbebenrisiko, für das weder die 
Sicherheitsbehälter der Reaktoren noch die Leitungsnetze ausgelegt seien.
Im hessischen Biblis kritisiert die Studie neben der auch hier erhöhten 
Erdbebengefahr vor allem die mangelhafte Auslegung der gesamten 
Notfallsysteme. Diese seien innerhalb der beiden Blöcke zwar doppelt 
ausgelegt, im Schadensfalle jedoch gleichermaßen anfällig, da sie sich 
jeweils in den gleichen Räumen befänden. Zudem fehle ein separates, 
komplett eingebunkertes Notstandssystem, das die Reaktoren im Falle einer 
äußeren Einwirkung – Flugzeugabsturz, Erdbeben etc. – noch störungsfrei 
herunterfahren kann. In Biblis stellt derzeit der jeweils andere Block 
das Notstandssystem bereit. Bei einem Abstand von gerade 150 Metern 
(Foto) bestehe aber immer die Gefahr, dass die äußere Einwirkung beide 
Reaktoren beschädigt.
Neben diesen spezifischen Macken sind die vier derzeit ältesten deutschen 
AKW auch schlecht gegen eventuelle Terroranschläge mit Flugzeugen 
gesichert. Die äußere Betonhülle würde bei Biblis A und beim AKW 
Brunsbüttel bestenfalls einem langsam fliegenden Sportflugzeug 
standhalten, und auch Biblis B sowie Neckarwestheim überstehen allenfalls 
den Einschlag eines unbewaffneten Starfighters. Schon eine kleinere 
Verkehrsmaschine wie der Airbus A320 würde nach Angaben von Becker zu 
einer unbeherrschbaren Situation führen. Wobei auch die mo-dernsten 
Reaktoren, die nach dem rot-grünen Atomkonsens frühestens 2021 abgestellt 
werden, den Absturz eines Großflugzeugs wie der A340 oder der Boeing 747 
nicht überstehen würden.
Greenpeace fordert daher, so schnell wie möglich aus der Atomenergie 
auszusteigen anstatt über über einen Weiterbetrieb nachzudenken.