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TAZ: Atomdebatte ohne Kritiker



TAZ, 15.09.04

> Atomdebatte ohne Kritiker
> Die französische Atomindustrie organisiert Diskussionen über ein 
Endlager in Bure

PARIS taz Eine "öffentliche nationale Debatte" - so heißt der 
Veranstaltungsmarathon, den die französische Atomindustrie seit dieser 
Woche in dem ostfranzösischen Département Meuse organisiert. Bei 
Diskussionsveranstaltungen in 13 Orten rund um Bure will sie die 
Zustimmung der örtlichen Bevölkerung zu einem Atommülllager in 500 Meter 
Tiefe bekommen. Im nächsten Frühjahr, beinahe gleichzeitig mit dem 20. 
Jahrestag des Atomunfalls von Tschernobyl, soll dann ein Gesetz 
festlegen, wo der Müll, den Frankreichs 85 Reaktoren produzieren, 
langfristig eingelagert wird.

De facto ist Bure mit seinen tiefen Tonschichten längst der Ort, den die 
französische Atomindustrie auserkoren hat. Auch deutscher Atommüll könnte 
hier ein Endlager finden. Nach dem "Bataille-Gesetz" aus dem Jahr 1991, 
das nach Forschungen an mehreren alternativen Standorten verlangte, hatte 
die Industrie zwar vorübergehend auch Bohrungen an anderen Orten erwogen, 
aber alle wieder verworfen. So etwa Chatinais im Département Vienne. In 
dem Dorf, das auf Granit gebaut ist, vergiftete die Atommülldebatte das 
Klima derartig, dass der Bürgermeister Anfang 1994 Selbstmord beging.

In Bure hatte die Atomindustrie bereits Anfang des Jahrtausends mehr als 
100 Millionen Euro für das Lager ausgegeben. Auf dem 1999 erworbenen 
Gelände hat sie in mehr als 450 Meter Tiefe zwei Labors eingerichtet. Und 
für die AtomforscherInnen steht fest: Ein Lager in Bure ist "technisch 
machbar".

Es soll so groß werden wie eine Olympiaschwimmhalle und ab dem Jahr 2025 
die ersten strahlenden Pakete aufnehmen. Der Inhalt von einigen davon 
wird nach heutiger Kenntnis tausende bis mehrere hunderttausend Jahre 
radioaktiv bleiben.

Industrieminister François Loos unterstützt die Atombranche. Nukleare 
Energie dürfe "kein Tabu" sein, sagt er. Die gegenwärtigen Hochpreise 
beim Erdöl geben ihm scheinbar Recht. Nach französischer Logik ist 
Atomstrom "billig". Und er sorgt für "energetische Souveränität".

Frankreich hat die höchste AKW-Dichte der Welt: 58 Atomreaktoren 
versorgen das Land und seine Nachbarn mit Atomstrom. Der Prototyp der 
nächsten Generation Atomreaktoren, der EPR, ist bereits im Bau. Mehr als 
50.000 Menschen arbeiten unmittelbar in der Branche.

Die AtomgegnerInnen, die überhaupt erst dafür gesorgt haben, dass die 
"große nationale Debatte" organisiert wird, nehmen an den Gesprächen in 
Bure nicht teil. Sie nennen sie "eine Farce". Ein Sprecher des Netzwerks 
Sortir du Nucléaire: "Das Ergebnis der Debatte steht schon vor Beginn 
fest." Statt nach Endlagern zu suchen, solle Frankreich aufhören, immer 
neuen Atommüll zu produzieren: "Niemand hat eine Lösung für den 
Atommüll."

Am 25. September demonstrieren die Anti-AKWlerInnen in der Regionalstadt 
Bar-le-Duc. Corinne François von der Coordination contre l'enfouissement 
sagt: "Wir haben nicht das Recht, den Boden unter uns für die künftigen 
Generationen zu vergiften."
DOROTHEA HAHN