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StZ: Atomkontrolleur Döring entpuppt sich als Papiertiger



Stuttgarter Zeitung, 15.12.01

> Atomkontrolleur Döring entpuppt sich als Papiertiger
 
> Zuverlässigkeitsprüfung des Stromkonzerns EnBW wird zur Farce - 
> Wirtschaftsminister kennt Ergebnis schon vor dem Abschluss
 
Für eine schöne Schlagzeile sagt Walter Döring vieles. Zuweilen wird es 
peinlich, wenn er an seinen Worten gemessen wird - zum Beispiel in der 
Atomaffäre.

Von Andreas Müller

Walter Döring spielte seine Lieblingsrolle: die des zupackenden Machers. 
Noch immer, kritisierte der Wirtschaftsminister, würden die Sorgen der 
Bürger wegen der Sicherheitsverstöße in den baden-württembergischen 
Atommeilern "unterschätzt". Nun aber nehme er die Sache in die Hand.

Anlass für Dörings Eingreifen Ende November war ein Bericht der 
Stuttgarter Zeitung. Dadurch wurde publik, dass der Leiter des 
Kernkraftwerks Philippsburg eigentlich gar kein Kernkraftwerk leiten 
dürfte: Mangels praktischer Erfahrung fehlt ihm die Lizenz dafür. Nun sei 
das Maß voll, verkündete der Minister pikiert: Er werde prüfen lassen, ob 
der Energie Baden-Württemberg (EnBW) wegen Unzuverlässigkeit die 
Erlaubnis zum Betrieb des Reaktors zu entziehen sei.

Da hat der FDP-Chef den Mund wohl zu voll genommen. Die 
schlagzeilenträchtige Ankündigung trug ihm nicht nur den Groll des 
Umweltministeriums und der EnBW-Spitze ein - was keine Schande wäre. Aber 
sie endet mit einer ausgewachsenen Blamage. Döring steht mal wieder als 
Papiertiger da: große Worte und nichts dahinter.

Die beiden Hauptakteure in der Atomaffäre hatten seinen Vorstoß ohnehin 
nicht wirklich ernst genommen. Der EnBW-Vorstandsvorsitzende Gerhard Goll 
kanzelte den stellvertretenden Ministerpräsidenten ab wie einen seiner Untergebenen: 
Ohne die nötige Sachkunde, entrüstete er sich in einem an die Medien lancierten Brief, 
schüre Döring Zweifel an der Zuverlässigkeit des Stromkonzerns. Es sei ein "einmaliger 
Vorgang", was sich der Oberliberale da leiste.

Umweltminister Ulrich Müller (CDU) ließ sich nach außen zwar nichts anmerken: 
Es spreche "nichts gegen eine Überprüfung" der in seinem Hause angesiedelten 
Atomaufsicht. Intern aber zeigte sich der meist an der Sache orientierte, wenig 
PR-erpichte Minister - ganz das Gegenteil Dörings - ungehalten über die Chuzpe 
seines Kollegen. Es handele sich um eine der üblichen Schaumschlägereien, 
urteilten Ministeriale, "bei denen nichts herauskommt". An dem Thema könne 
sich der Vizepremier "nur verheben".

In der Tat. Wäre Döring zu dem Ergebnis gekommen, die EnBW sei nicht 
zuverlässig genug, hätte er die Genehmigung für Philippsburg widerrufen 
müssen. Die unausweichliche Folge: ein Rechtsstreit, bei dem es um Milliardenwerte 
ginge. "Das traut sich nicht einmal Trittin", heißt es in Stuttgart über den 
Grünen-Bundesumweltminister. Zum einen sei die juristische Position zu wackelig 
fürs endgültige Abschalten. Zum anderen habe Goll bekanntermaßen einen 
guten Draht zu Bundeskanzler Schröder - Trittins Chef.

Doch Döring ist schon personell kaum in der Lage, die Zuverlässigkeit der 
EnBW zu prüfen. Im hauptsächlich zuständigen Umweltministerium arbeiten 
etwa fünfzig Experten bei der Atomaufsicht - Techniker, Naturwissenschaftle
r und Juristen. Das Wirtschaftsressort, für die Genehmigungen verantwortlich, 
verfügt nur über einen einzigen: einen Referatsleiter in der Energieabteilung. Der 
Minister löste das Problem durch Delegieren: Er habe Staatssekretär Horst 
Mehrländer beauftragt, eine Arbeitsgruppe zu bilden.

"Der Ärmste", hieß es im Hause Müller mitleidig. Aber Mehrländer machte 
sich frohgemut an die Arbeit. Ende voriger Woche lieferte er, wie von Döring 
bestellt, seinen ersten Zwischenbericht ab. Inhalt: der Plan fürs weitere 
Vorgehen. Um sich eine Meinung zu bilden, hieß es, brauche man noch 
Unterlagen und wohl auch externe Fachleute. Das könne "einige Wochen" 
dauern.

Die EnBW freilich scherte sich nicht um den gründlichen Staatssekretär. Drei 
Tage später verkündete sie überraschend, Philippsburg solle bereits am 
Montag wieder ans Netz gehen. Beistand bekam der Stromkonzern von 
Ministerpräsident Erwin Teufel: Er sehe "keine gravierenden Punkte", die 
dem entgegenstünden. Vorher müssten natürlich sämtliche Prüfungen 
abgeschlossen sein.

Nun plötzlich ging im Wirtschaftsministerium alles hopplahopp. Schon am 
Dienstag im Kabinett signalisierte Mehrländer, dass man das 
Wiederanfahren nicht blockieren werde. Zwei Tage später stand auch das 
offizielle Schreiben an das Bundesumweltministerium. Fazit: es gebe 
"keine Veranlassung, die atomrechtliche Betriebsgenehmigung (. . .) zu 
widerrufen". Wie er so flott zu dieser Erkenntnis gelangt ist, obwohl er 
doch eigentlich noch Wochen prüfen wollte - dazu äußert sich Dörings 
Staatssekretär derzeit lieber nicht.

Nun haben beide den Schaden und brauchen für Spott nicht zu sorgen. Bei 
einem so ernsten Thema wie der Sicherheit von Kernkraftwerken, gifteten 
die Grünen, habe man das ja nicht für möglich gehalten. Aber die 
Nullnummer des Ministers als Atomkontrolleur sei wohl unter seinen 
"sattsam bekannten Dampfplaudereien" abzubuchen.
 
Aktualisiert: 15.12.2001, 05:34 Uhr