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StZ: Das Atomdorf schwimmt wieder im Geld



Stuttgarter Zeitung, 29.11.01

> Das Atomdorf schwimmt wieder im Geld
> Neckarwestheimer Gemeinderat hat schon ein schlechtes Gewissen wegen 
Millionen-Rücklagen

Der ehemalige Schultes hat 40 Millionen Mark verschwinden lassen. Er 
ist heute bettelarm. Aber die abgezockte Gemeinde Neckarwestheim ist 
schon wieder so reich, dass mancher Gemeinderat die vielen Millionen 
auf der hohen Kante als moralisch bedenklich empfindet.

Von Wieland Schmid

Begeistert war Bürgermeister Mario Dürr nicht gerade, als seine 
Gemeinderäte neulich die Gewerbe- und Grundsteuern ganz erheblich 
senkten. Aber die vorsichtigen Warnungen des Rathauschefs von 
Neckarwestheim (Kreis Heilbronn) vor einer unsicheren Zukunft 
verhallten ungehört: "Die wollen nicht noch mehr Rücklagen anhäufen", 
begründet Dürr die Großzügigkeit der Bürgervertreter und hat dafür 
sogar Verständnis.

Immerhin ist die Standortgemeinde des Gemeinschaftskernkraftwerks 
Neckar nicht nur völlig schuldenfrei. Ihr Vermögen ist wieder so groß 
geworden, dass die 3400 Einwohner jeden Sommer auf Kosten der Kommune 
Freikarten für die Freibäder der Umgebung spendiert bekommen. Im 
Winter karrt die Gemeinde die Wasserratten mit Charterbussen in die 
Hallenbäder von Bietigheim-Bissingen oder Ludwigsburg und zahlt ihnen 
die Plantscherei im Kurbad Wimpfen.

Vor wenigen Jahren war das gar nicht mehr so selbstverständlich. Als 
1995 der damals 62-jährige Neckarwestheimer Bürgermeister Horst 
Armbrust verhaftet wurde, waren satte 40 Millionen Mark aus dem 
Gemeindevermögen verschwunden - 35 Millionen aus den Rücklagen und die 
Hälfte der zehn Millionen aus dem Fonds der "Bürgerstiftung". Mit dem 
Geld hatte der privat hoch verschuldete Schultes gewinnbringend 
spekulieren wollen, aber statt seiner erfreuten sich internationale 
Betrüger daran. 1996 wurde Armbrust dafür zu achteinhalb Jahren 
Gefängnis verurteilt. Inzwischen ist er wieder frei und lebt von der 
Sozialhilfe.

Den Schock der Betrogenen haben die Neckarwestheimer inzwischen 
überwunden ebenso wie die Angst vor klammen Kassen. Auf dem Konto der 
"Bürgerstiftung" liegen bereits wieder 9,6 Millionen Mark. Die 
Rücklagen beziffert Armbrusts Nachfolger heute auf 32,6 Millionen 
Mark. "Das hat sich aus Gewerbesteuern und Prozessgewinnen wieder 
angesammelt", sagt der 36-jährige Dürr zufrieden. Der Löwenanteil 
stammt vom Kernkraftwerk, aber acht Millionen Mark hat der 
Verwaltungschef im In- und Ausland mühsam aus den kriminellen 
Spekulationen seines Vorgängers zurückgeholt. Jetzt laufen noch 
Prozesse um insgesamt 30 Millionen Mark gegen Banken in der Schweiz, 
Österreich und in den USA. Die Erfolgsaussichten sind allerdings 
gering.

Der erneute Reichtum hat die Gemeinderäte eher skeptisch gemacht. "Das 
ist Geld, das uns nicht gehört und das wir nicht brauchen", meinte 
einer, bevor er mit der Mehrheit seiner Kollegen für gründliche 
Steuersenkungen votierte. Die moralischen Bedenken wiegen für die 
Kommunalpolitiker schwerer als der Blick in eine karge Zukunft. Früher 
hat die Gemeinde alljährlich rund sechs Millionen Mark Gewerbesteuer 
eingenommen. Dieses Jahr ist es noch die Hälfte, nächstes Jahr 
vielleicht noch ein Drittel. Die EnBW zahlt nämlich schon seit zwei 
Jahren keinen Pfennig mehr für ihr Kraftwerk. Bürgermeister Dürr zuckt 
nur noch spöttisch die Achseln: "Offiziell macht das Unternehmen 
keinen Gewinn mehr." Die EnBW habe "viele schöne Töchter, die mehr 
Geld verbrauchen, als sie erwirtschaften".