Ärger in Gemmrigheim nach Atomlager-Urteil
Heilbronner Stimme, 28.11.01
> Ärger in Gemmrigheim nach Atomlager-Urteil
> Die Folgen der Schlappe vor dem Verwaltungsgerichtshof: Uneinigkeit
zwischen Gemeinderat, Bürgermeisterin und Anwälten
Der verlorene Zwischenlager-Prozess sorgt in Gemmrigheim für Ärger: Die
Kluft zwischen Gemeinderat und Bürgermeisterin scheint tiefer zu werden.
Zudem wird zunehmend Kritik an den Anwälten der Kommune laut.
Von Joachim Rüeck
Erstmals tagte der Gemmrigheimer Gemeinderat am Montagabend öffentlich
nach dem verlorenen Prozess.
Bei den Einwohnern und den Bürgervertretern herrschte Unzufriedenheit
wegen der Schlappe vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim. Gemeinderat
Jürgen Böhm fragte Bürgermeisterin Monika Tummescheit sogar, ob sie
bereit sei, die politische Verantwortung für das Urteil zu übernehmen.
Die Rathauschefin gegenüber unserer Zeitung: "Herr Böhm scheint sich im
Kommunalrecht nicht auszukennen. Sonst wüsste er, dass ein Bürgermeister
in diesem Fall kein Rücktrittsrecht hat." Seine Frage weist sie als
absurd zurück: "Wie jeder weiß, habe ich der Entscheidung, das Baugesuch
abzulehnen, zweimal widersprochen."
Wie und ob das Ratsgremium weiter gerichtlich gegen das unter dem
Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar (GKN) geplante Atomlager vorgehen wird,
ist unklar. Sven Herold, Wortführer der Zwischenlager-Gegner, möchte
weitermachen - "auch wenn wir im Moment nicht wissen wie. "
Der Gemeinderat verspricht aber, sich nicht in aussichtslose juristische
Manöver zu verrennen: "Wir müssen entscheiden, ob wir das Risiko eingehen
oder nicht. Wenn's nichts bringt, können wir eben nicht weitermachen."
Je wahrscheinlicher der Bau des Standortlagers wird, desto mehr rückt die
Kostenfrage in den Vordergrund. Auf mindestens 250 000 Mark schätzt die
Gemmrigheimer Verwaltungschefin die Ausgaben für das Verfahren.
Eine Summe, die abermals für Verstimmung sorgt. Herold kritisiert: " Die
Zahl liegt den Gemeinderäten nicht vor.
Dass sie gegenüber der Presse genannt wurde, soll uns unter Druck setzen.
" Von Verschwendung möchte er nichts wissen: "Die meisten im Ort sind
gegen das Zwischenlager. Also müssen wir so lange wie möglich versuchen,
uns durchzusetzen."
Den Anwälten der Gemeinde bläst ebenfalls der Wind ins Gesicht.
Bürgermeisterin Tummescheit äußerte sich "enttäuscht über das Auftreten
vor Gericht". Sie möchte eine "Krisensitzung" mit den Rechtsvertretern
einberufen, nachdem das Urteil schriftlich zugestellt worden ist, was in
dieser Woche noch geschehen soll.
Und obwohl die Bürgervertreter die Anwälte ins Boot holten, mehren sich
auch unter ihnen die Zweifel. Sven Herold ist zwar der Überzeugung,
"Schuldzuweisungen bringen nichts", gesteht aber, dass ihn "der Auftritt
irritiert" habe.
Till Bannasch von der Freiburger Kanzlei de Witt/Oppler, der die Gemeinde
vertritt, dazu: "Ich rede lieber zuerst mit Frau Tummescheit." Vor
Eingang der schriftlichen Begründung des Urteils möchte er sich nicht
äußern.
Mit Spannung schaut Neckarwestheim auf die Nachbarkommune - schließlich
sitzt man bislang beim Atomlager-Widerstand in einem Boot. Der
entsprechende Bebauungsplan, so Bürgermeister Mario Dürr, liegt nun
jedenfalls auf Eis.
Falls Gemmrigheim - bei offenbar geringen Chancen und hohem finanziellen
Risiko - weitere Instanzen bemühen will, stellt sich für ihn die Frage,
ob Neckarwestheim seine Kostenbeteiligung aufkündigt.
28.11.2001