StZ: Kraftwerksleiter ohne Lizenz nur im Land (auch NWH.)
Stuttgarter Zeitung, 27.11.01
> Kraftwerksleiter ohne Lizenz nur im Land
> Sonderweg bei Anlagen mit zwei Reaktoren - In Bayern und Hessen
haben die Chefs Erfahrung
STUTTGART. Nur in Baden-Württemberg gibt es bei Atommeilern mit zwei
Blöcken Chefs, die nicht die Lizenz für den Reaktorbetrieb besitzen.
Dies ergab eine Umfrage der Stuttgarter Zeitung. Damit bleiben die
EnBW und die Atomaufsicht unter Druck.
Von Andreas Müller
Umweltminister Ulrich Müller (CDU) widersprach gestern erneut den
Zweifeln an der Kompetenz des Kraftwerksleiters in Philippsburg. Wie
die Stuttgarter Zeitung berichtet hatte, besitzt Hans-Josef Zimmer
(43) mangels praktischer Erfahrung nicht die Lizenz für den Betrieb
eines Reaktors. Müller zufolge benötigt er diese jedoch gar nicht:
Nicht der Kraftwerksleiter sei in Philippsburg nach dem Atomrecht für
die Sicherheit verantwortlich, sondern die Leiter der beiden
Reaktorblöcke. Damit sei die Verantwortung "eindeutig geregelt",
bekräftigte der Umweltminister. Im Übrigen gebe es dieses Modell "auch
bei anderen Anlagen innerhalb und außerhalb Baden-Württembergs".
Nach Recherchen der Stuttgarter Zeitung gibt es jedoch in keinem
anderen Bundesland Kernkraftwerke mit zwei Blöcken, deren Gesamtleiter
nicht die atomrechtliche Verantwortung tragen oder zumindest die für
Reaktorchefs verlangte Fachkunde besitzen. Nur im Kernkraftwerk
Neckarwestheim, das überwiegend zur Energie Baden-Württemberg (EnBW)
gehört, besteht eine ähnliche Organisation wie im EnBW-Kraftwerk
Philippsburg: Dort sind die Leiter der beiden Blöcke nach dem
Atomrecht verantwortlich. Der oberste Technikchef, Werner Zaiss,
besitzt nicht die Lizenz für den Reaktorbetrieb "und braucht sie auch
nicht", sagte ein Sprecher.
Anders ist die Situation in Bayern und in Hessen, wo drei der
insgesamt fünf deutschen Kernkraftwerke mit zwei Reaktoren stehen. An
zwei Standorten ist der Kraftwerksleiter auch nach dem Atomrecht
verantwortlich, an einem besitzt er zumindest die Fachkunde dafür. Im
Gegensatz zu Philippsburg, hieß es gestern bei einem der Betreiber,
"haben wir hier einen richtigen Kraftwerksleiter".
Im bayerischen Gundremmingen ist der technische Geschäftsführer
zugleich der nach dem Atomrecht verantwortliche Leiter der Anlage. Er
besitze selbstverständlich die notwendige Lizenz, sagte ein Sprecher.
Für die beiden Reaktorblöcke ist je ein Teilbereichsleiter zuständig,
darüber gibt es noch einen gemeinsamen Fachbereichsleiter. Ähnlich ist
die Konstruktion im hessischen Biblis: Auch dort ist der Leiter des
Kraftwerks zugleich atomrechtlich verantwortlicher Leiter der Anlage
und besitzt den Fachkundenachweis. Unter ihm fungieren ein für beide
Blöcke verantwortlicher Leiter der Produktion und zwei
Teilbetriebsleiter für die beiden Reaktoren. Mit diesem Aufbau habe
man gute Erfahrungen gemacht, sagte ein Sprecher.
Beim Kernkraftwerk Isar in Niederaichbach (Bayern) ist die
Organisation zwar ähnlich wie in Philippsburg. Nach dem Atomrecht
verantwortlich sind dort, dem bayerischen Umweltministerium zufolge,
die Leiter der beiden Reaktoren. Über ihnen gibt es noch einen
Kraftwerksleiter, den jedoch eines von seinem badischen Kollegen
Zimmer unterscheidet: Als langjähriger Leiter von Block II (natürlich
mit der entsprechenden Lizenz) besitzt er reichlich Erfahrung im
Betrieb eines Reaktors.
Zimmer fehlt die Lizenz, weil man dafür mindestens ein Jahr im Betrieb
eines Kernkraftwerks tätig gewesen sein muss. Anstelle der in der
Branche üblichen "Ochsentour" hatte der 43-jährige
Maschinenbauingenieur den Sprung auf den Chefsessel direkt geschafft.
EnBW-intern heißt es, der Vorstand der Kraftwerksgesellschaft und
Konzernchef Goll hätten sich für ihn stark gemacht.