HN-St.: Goll nimmt GKN aus Schusslinie
Heilbronner Stimme, 23.11.01
> Goll nimmt GKN aus Schusslinie
> EnBW-Chef spricht im Kernkraftwerk Neckarwestheim über den
Regelverstoß von 1997
Von Joachim Kinzinger
In den Strudel der Atompannen im Kernkraftwerk Philippsburg wurde auch
GKN in Neckarwestheim hinein gerissen. EnBW-Chef Gerhard Goll sprach
bei der Pressekonferenz im GKN-Rundbau der Geschäftsführung das
Vertrauen aus: "Ich sage uneingeschränkt Ja zum GKN."
"Man muss die Dinge sauber unterscheiden", nimmt EnBW-Vorstandschef
Goll zu den Atom- und Sicherheitspannen in den baden-württembergischen
Kernkraftwerken Stellung. Erstens der " gravierende Störfall" in
Philippsburg.
Zweitens die jahrelangen Abweichungen vom Betriebshandbuch im
Kernkraftwerk Obrigheim bei Borkonzentration und Füllständen ohne
Sicherheitsrelevanz. Drittens ein Fall in Neckarwestheim, der " nicht
dem Reglement entsprochen hat".
Die GKN-Reaktormannschaft fährt den ersten Atomblock nach der Revision
1997 mit einem zu geringen Wasserstand (8,5 Meter) in drei
Flutbehältern an. Im Betriebshandbuch ist als Sollwert 8,85 Meter
vermerkt. Der Sicherheitswert liegt bei 8,25 Meter.
Der mächtige EnBW-Chef verteilt in Neckarwestheim Streicheleinheiten
an die Geschäftsführung und an die Mannschaft: "Es besteht kein
Zweifel am Sicherheitsmanagement bei GKN." Die Anlage werde "
hervorragend und beispielhaft" geführt.
Dennoch werden die Sicherheitsbeauftragten auch hier das
Betriebshandbuch unter die Lupe nehmen und Verbesserungsvorschläge
unterbreiten. Bis 1977 hat GKN-Geschäftsführer Dr. Werner Zaiss die
Borkonzentrationen beim Wiederanfahren nach Revisionen zurück
verfolgt.
Er berichtet: Alle Vorgaben sind erfüllt. Die Flutstände beider
Reaktoren hat das GKN bis 1995 angeschaut. Der erste Block verfügt
laut Zaiss über vier Flutbehälter. Davon werden drei Wassertanks bei
der Revision benötigt.
Beim Regelverstoß 1997 habe sich die Mannschaft 16 Stunden lang Zeit
gelassen, um die drei Behälter wieder auf den Sollwert aufzufüllen.
Dennoch sei dies sicherheitstechnisch ohne Belang: "Im vierten
Flutbehälter war noch genügend Wasser drin." Auch Gerhard Goll folgert
daraus: "GKN hat jederzeit über ausreichend Wasser für das
Notkühlsystem verfügt."
Grundsätzlich unterscheiden sich die Betriebshandbücher in den
Kernkraftwerken. Die "Summe des Reglements" setzt sich laut Goll aus
Gebrauchsanweisungen, Genehmigungsurkunden, technischen und
betrieblichen Vorschriften zusammen.
"Es gibt keine Einheitlichkeit bei der Handhabung", weist Goll auf
unterschiedliche Typen hin. Auch das Baudatum der Reaktoren spielt
eine Rolle. Zaiss erzählt, in Neckarwestheim würden laufend neue
Ergänzungen gemacht oder Kapitel geändert: "Es ist keine statische
Geschichte, sondern wird immer weiter entwickelt."
Die Staatsanwaltschaft Heilbronn hat gegen GKN Vorermittlungen wegen
des Regelverstoßes eingeleitet. Goll glaubt nicht, dass es in ein "
förmliches Verfahren" mündet. Als Jurist wagt er keine Einschätzung,
wann das atomare Tunnel-Zwischenlager gebaut wird., " Wenn alles glatt
läuft", so Zaiss, sei GKN Mitte 2002 baubereit.