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StZ: Wer bietet mehr für den Reaktor Temelín?



Stuttgarter Zeitung, 20.11.01

> Wer bietet mehr für den Reaktor Temelín?
> Tschechien verkauft den staatlichen Stromkonzern CEZ - Electricité 
de France gilt als aussichtsreichster Kandidat

Der tschechischen Stromwirtschaft stehen entscheidende Wochen bevor. 
Der Reaktor Temelín I wird auf volle Leistung gebracht, Temelín II mit 
Brennstäben beladen. Und: der Staat verkauft den Stromkonzern CEZ an 
westliche Konzerne.

Von Paul Kreiner, Prag

Zurzeit tüfteln sie an ihren letztgültigen Angeboten, die drei 
Bewerber, die im Rennen um den tschechischen Stromkonzern CEZ übrig 
geblieben sind. Bis 3. Dezember müssen die Pakete geschnürt sein, und 
noch vor Weihnachten will die Regierung in Prag entschieden haben, wer 
den Zuschlag bekommt. "Wer am meisten zahlt", so Tschechiens 
Regierungschef Milos Zeman, der werde die zum Verkauf stehenden 67,6 
Prozent Staatsanteile an der CEZ bekommen. Einzelne Bewerber aber und 
die Medien in Prag vermuten, dass der Sieger des Verfahrens schon mehr 
oder minder feststeht: die EdF, die Electricité de France, soll es 
sein. Über enge Kontakte zwischen Prag und EdF wird berichtet; 
Miroslav Gregr, der Industrieminister, wurde bei Gesprächen in Paris 
gesehen.

Mit im Rennen sind das amerikanisch-britische Bieterkonsortium 
NRG/British International Power sowie die italienisch-spanische Gruppe 
aus Enel und Iberdrola. Die belgische Electrabel hat sich mit Verweis 
auf tschechisch-französische Konspirationen schmollend aus dem 
Wettbewerb zurückgezogen. Die deutsche Eon, einst eine der großen 
Hoffnungen Prags, hatte erst gar nicht mitgeboten: "Das 
atomstromfeindliche Klima in Deutschland . . ." Mit diesem Argument 
hatte Eon bereits im Juli die Stromlieferverträge mit der CEZ auf Eis 
gelegt; den Tschechen war damit auf einen Schlag ein Viertel ihrer 
Energieausfuhr weggebrochen.

Die Franzosen, so sagt man in Prag, seien schon deshalb die besten 
Kandidaten, weil sie sich - im Gegensatz zu anderen - mit Kritik am 
Privatisierungsverfahren zurückgehalten und mit Atomstrom keine 
Probleme hätten. Auch Vorbehalte gegen das Kraftwerk Temelín als 
solches sind aus Frankreich nie laut geworden - ganz anders als in 
Deutschland, wo Umweltminister Jürgen Trittin zur Jahresmitte in einem 
Brief an die tschechische Regierung verlangt hatte, Temelín aus 
Sicherheitsgründen nicht in Betrieb gehen zu lassen. Oder, noch 
drastischer, das Nachbarland Österreich, dessen Grenzen Temelín 
genauso nahe liegt wie den deutschen, nämlich 60 Kilometer.

Hier hat sich die Regierungspartei FPÖ nach einem Hin und Her wieder 
einmal auf ein Veto gegen den EU-Beitritt Tschechiens festgelegt, 
falls Temelín nicht abgeschaltet wird. Mit einem Volksbegehren im 
Januar soll diese Forderung zum Regierungsprogramm erhoben werden - 
allen Warnungen zum Trotz, Österreich könnte in der EU erneut isoliert 
werden. Im Gegenzug hat sich die Haltung Prags zu Temelín nur 
verhärtet: Man hält umso fester an dem ehrgeizigsten Stromprojekt des 
Landes fest. Inwieweit die Sicherheitsbedenken berücksichtigt, die 
konkreten technischen Mängel abgestellt werden, die (unter EU-Ägide) 
in den Verhandlungen mit Österreich ans Tageslicht gekommen sind, das 
ist offen. Gesucht wird derzeit nach einer Form, die diese 
Sicherheitsmaßnahmen auch bei dem künftigen privaten Eigentümer 
Temelíns einklagbar macht. Irgendwelche Verpflichtungen in den 
Beitrittsvertrag Tschechiens mit der EU zu übernehmen, wie es 
Österreich verlangt, weigert sich EU-Kommissar Günter Verheugen. Er 
befürchtet, dass auf diese Weise "ein neuer Acquis" entstehen könnte, 
sprich hinterrücks Standards für Atomkraftwerke festgeschrieben 
würden, wo doch die EU noch nicht bereit ist, solche gemeinsamen 
Standards zu formulieren.

Tschechien will auf Temelín auch deshalb nicht verzichten, weil das 
Kraftwerk die Haupteinnahmequelle der CEZ werden könnte und damit der 
attraktivste Posten im Privatisierungskatalog ist. Ansonsten hat die 
CEZ zu bieten: das ältere Atomkraftwerk Dukovany - genauso nahe an 
Österreichs Grenzen wie Temelín, aber merkwürdiger- weise kein Objekt 
des Protests - sowie neun Braunkohle- , ein Steinkohle- und 13 
Wasserkraftwerke. Als Gewinn werden dieses Jahr zehn Milliarden Kronen 
(282 Millionen Euro/551,5 Millionen Mark) erwartet nach 7,2 Milliarden 
Kronen im vergangenen Jahr. CEZ kontrolliert etwa 70 Prozent des 
tschechischen Inlandsmarktes - und hat mächtige Reserven. Schon bisher 
wurden zwischen 20 und 25 Prozent des erzeugten Stroms exportiert. 
Sobald Temelín am Netz ist - in jedem der beiden Blocks arbeitet ein 
1000-Megawatt-Reaktor -, steht eine weitere, kostengünstige 
Stromquelle parat. Aus dem CEZ-Verkauf erhofft sich die tschechische 
Regierung 6,7 bis 8,1 Milliarden Euro für die Staatskasse. Damit die 
Querelen um Temelín den Preis nicht allzu sehr drückten, hat die 
Regierung in Prag beschlossen, dem Käufer der CEZ noch die Mehrheit in 
sechs regionalen Stromverteilungs-Gesellschaften dazuzugeben. Das 
läuft in Tschechien auf eine Marktbeherrschung von 80 Prozent hinaus.

Im Gegenzug muss der künftige CEZ-Eigentümer einige Auflagen 
akzeptieren. Unter anderem muss er 15 Jahre lang jährlich knapp 30 
Millionen Tonnen Braunkohle aus Tschechien kaufen. Das haben die 
Gewerkschaften zum Schutz der heimischen Bergwerke durchgesetzt. Hohe 
Vertragsstrafen sind auch vorgesehen für den Fall, dass die 
vereinbarte Stromproduktion unterschritten wird oder dass die Anteile 
vor einem Ablauf von zehn Jahren weiterverkauft werden. Die Auflagen, 
so hat das Wirtschaftsblatt "Hospodarske Noviny" zusammengerechnet, 
könnten den Kaufpreis schnell verdoppeln.

Für den Fall, dass das Kraftwerk Temelín aus technischen Gründen 
unbenutzbar sein sollte, steht angeblich nichts in den 
Vertragsentwürfen. Von Umweltauflagen, soweit zu hören ist, auch 
nichts. Zurzeit steht Temelín still. Aber zum Jahresende soll der 
Reaktor I auf 100 Prozent Leistung hochgefahren werden, und wenn er 
das 144 Stunden problemfrei durchhält, darf er gleich weiterlaufen.