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StZ: Jürgen Trittin wirft Ulrich Müller Falschinformation vor



Stuttgarter Zeitung, 19.11.01

Jürgen Trittin wirft Ulrich Müller Falschinformation vor

"Kein gleicher Wissensstand über Atompanne" - Anonymer Hinweis bringt 
Affäre um den Reaktor Philippsburg ins Rollen

STUTTGART. In der Atomaffäre gibt es neuen Streit zwischen Stuttgart 
und Berlin. Bundesumweltminister Trittin widerspricht der Ansicht 
seines Landeskollegen Müller, beide hätten versagt. Aufgedeckt wurden 
die Verstöße nur durch einen anonymen Tipp.

Von Andreas Müller

In den beiden Landtagsdebatten über die Atomaffäre hatte 
Landesumweltminister Ulrich Müller (CDU) versucht, sich mit Hinweis 
auf das Bundesumweltministerium zu entlasten. Das Ressort von Jürgen 
Trittin (Grüne) habe lange den gleichen Kenntnisstand über den 
Sicherheitsverstoß im Kernkraftwerk Philippsburg gehabt wie sein Haus 
und ebenfalls nicht reagiert. Erst durch einen "Hinweis von außen" sei 
den Beamten die Dimension des Vorfalles klar geworden. "Wenn 
irgendjemand gepennt hat", sagte der CDU-Politiker im Parlament, "dann 
haben Müller und Trittin zusammen gepennt. Einverstanden."

Dieser Darstellung hat das Bundesumweltministerium jetzt gegenüber der 
Stuttgarter Zeitung scharf widersprochen. In der Stellungnahme wird 
dem Ressort Müllers vorgeworfen, es habe den Sicherheitsverstoß 
gegenüber Berlin falsch dargestellt; dadurch habe man zunächst keinen 
Anlass für eine vertiefte Prüfung gesehen. Erst durch einen Hinweis 
der Reaktorsicherheitskommission des Bundes sei das "Fehlurteil" Baden-
Württembergs erkannt und revidiert worden.

Das Bundesumweltministerium wurde vom Land Mitte September über den 
Sicherheitsverstoß in Philippsburg unterrichtet. Dabei war der zweite 
Reaktorblock nach der Revision wieder angefahren worden, obwohl das 
Notkühlsystem nicht in Ordnung war: In drei von vier Flutbehältern 
befand sich zu wenig Borsäure, die bei einem Störfall den 
Neutronenfluss bremsen soll.

In Berlin ging man zunächst davon aus, dass nur ein Flutbehälter 
betroffen war. So sei das Problem in der Meldung des Betreibers, der 
Energie Baden-Württemberg (EnBW), und dem Anschreiben aus Stuttgart 
dargestellt worden. Das Landesministerium habe die Einstufung der 
Meldung in die Kategorie N (Normal) zudem als "endgültig" bezeichnet 
und damit signalisiert, dass es keinerlei Zweifel habe. Man habe 
deshalb keinen Anlass gesehen, den beigefügten Bericht der EnBW - 
darin war von drei Flutbehältern die Rede - entgegen dem üblichen 
Vorgehen selbst auszuwerten, betonte das Ministerium. Dies sei Aufgabe 
des Bundesamtes für Strahlenschutz und der Gesellschaft für 
Reaktorsicherheit, deren Berichte erst nach mehreren Wochen eingingen.

Auf die Widersprüche in den Angaben aus Baden-Württemberg wurde die 
Bundesaufsicht zwei Wochen später von der Reaktorsicherheitskommission 
hingewiesen.

Daraufhin habe man den Vorgang sofort vertieft untersucht und das 
Verfahren eingeleitet, dass schließlich zur Stilllegung von 
Philippsburg führte. Dabei sei deutlich geworden, dass der Vorfall 
bereits Ende August zwischen Land, Betreiber und Gutachter ausführlich 
erörtert wurde. Auch insofern seien "Behauptungen von einem gleichen 
Wissensstand gegenstandslos", widerspricht Trittin seinem Kollegen 
Müller.

Unklar bleibt weiterhin, woher der Hinweis an die 
Reaktorsicherheitskommission (RSK) kam, ohne den die Verstöße 
vielleicht nie aufgedeckt worden wären. Der RSK-Vorsitzende Lothar 
Hahn sagte auf Anfrage, er wisse dies selber nicht.

Ob der Hinweisgeber der Kommission bekannt ist oder anonym agierte, 
könne er ebenfalls nicht sagen. Als Informanten kommen nur Mitarbeiter 
der Energie Baden-Württemberg, des Gutachters Tüv oder aber des 
Landesumweltministeriums in Frage, da sonst niemand von den Problemen 
in Philippsburg wusste.