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StZ: Prüfer von Atomaufsehern selbst gewählt



Stuttgarter Zeitung, 15.11.01

> Prüfer von Atomaufsehern selbst gewählt
> Umweltminister Müller begrüßt den Rückzug von Serge Prêtre - 
Opposition: riesige Blamage
 
STUTTGART. Nach dem Rückzug seines Chefaufklärers gerät Umweltminister 
Ulrich Müller (CDU) in der Atomaffäre weiter unter Druck: Die Beamten 
der Atomaufsicht, die selbst überprüft werden sollen, hatten ihm den 
Schweizer Serge Prêtre empfohlen.

Von Andreas Müller

Am 19. Oktober hatte Müller angekündigt, die zuständige Fachabteilung 
seines Ministeriums von Gutachtern durchleuchten zu lassen. Dabei 
sollten etwaige Fehler der Beamten, aber auch des Ministers ermittelt 
werden. Als Leiter des Expertenteams benannte er den früheren Chef der 
Schweizer Atomaufsicht, Serge Prêtre.

Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung war der betroffene 
Abteilungsleiter, Dietmar Keil, an der Auswahl Prêtres maßgeblich 
beteiligt. Dies hatte das Umweltministerium bereits Anfang November 
auf Anfrage indirekt bestätigt: "Es ist selbstverständlich, dass die 
zuständige Fachabteilung an der Vorbereitung der Auswahl mitwirkt." 
Die Entscheidung liege aber bei der politischen Spitze des 
Ministeriums.

Keil hatte seinen Minister offensichtlich nicht über die Äußerungen 
Prêtres unterrichtet, die jetzt zu dessen Rückzug führten. Dabei gilt 
das Fachblatt "Atomwirtschaft", in derm die relativierenden Thesen zur 
Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erschienen, in der Atombranche als 
Pflichtlektüre; in der Fachwelt ist Prêtres Position außerdem seit 
Jahren bekannt. Als die Stuttgarter Zeitung vor zwei Wochen über die 
Thesen berichtete ("Die seltsamen Ansichten des Doktor Prêtre", StZ 
vom 2. November), zeigte sich Ulrich Müller gleichwohl überrascht: 
"Die jetzt öffentlich diskutierten Aussagen . . . waren uns nicht 
bekannt. Sie würden auch nicht unserer Auffassung entsprechen." Man 
werde den Schweizer zu einer Stellungnahme auffordern, teilte das 
Ministerium mit.

Bereits in der vergangenen Woche war Müller öffentlich von Prêtre 
abgerückt. Im Fernsehen sagte er, wenn dessen Äußerungen so gefallen 
und auch nicht falsch verstanden worden seien, dann würde er ihn 
"nicht für geeignet ansehen". Der Physiker hatte die Strahlenangst in 
Westeuropa nach dem Super-GAU von Tschernobyl als "psychische 
Epidemie" bezeichnet und mit dem Nationalsozialismus verglichen.

Jetzt ergriff Prêtre selbst die Initiative und legte das Mandat 
nieder. Es sei "im Interesse einer sachorientierten Überprüfung 
besser, wenn ich auf eine Mitwirkung verzichte", schrieb er an Müller. 
Dies sei die richtige Konsequenz, weil der Gutachter "von Misstrauen 
und Verdächtigungen frei sein sollte". Zugleich verteidigte er seine 
"differenzierte Position" zu Tschernobyl: Er habe analysieren wollen, 
weshalb der Super-GAU "in einigen Teilen Westeuropas so starke 
Reaktionen hervorrief, obwohl die realen Auswirkungen hier zu Lande 
bei weitem nicht so gravierend waren wie vor Ort".

Umweltminister Müller begrüßte den Rückzug Prêtres als einen 
"konstruktiven Beitrag zu unbelasteter Sacharbeit". Die Arbeit der 
Gutachter, so seine Begründung, hätte "vermutlich unter der 
anhaltenden Debatte über Teile des Artikels gelitten". Zugleich machte 
Müller deutlich, dass Prêtre Vorsitzender der Internationalen 
Länderkommission Kerntechnik (ILK) bleiben solle. In diesem Amt gebe 
es "keine vergleichbare Belastung durch die aktuelle Diskussion".

Das von Baden-Württemberg, Bayern und Hessen getragene Gremium war 
1999 auf Initiative von Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) gegründet 
worden. Damit protestierten die drei Länder gegen die Umbesetzung der 
offiziellen Reaktorsicherheitskommission durch Bundesumweltminister 
Jürgen Trittin (Grüne). Die Opposition hält die ILK, die das Land 
jährlich eine Million Mark kostet, dagegen für teuer, nutzlos und 
überflüssig. Sie will heute im Landtag erneut die Auflösung der 
Kommission fordern.

Auf den Rückzug Prêtres reagierten SPD und Grüne mit scharfer Kritik. 
SPD- Fraktionschef Wolfgang Drexler sprach von einer "riesigen 
Blamage" für den Umweltminister. Der Vorgang zeige erneut, wie 
"hilflos und kopflos" er nach den Sicherheitsverstößen in den 
Kernkraftwerken und dem Versagen der Atomaufsicht agiere. Ebenso wie 
Drexler warf der Grünenfraktionschef Dieter Salomon dem Minister vor, 
dass er nicht von sich aus auf die Mitarbeit Prêtres verzichtet habe. 
Der Fall dokumentiere wieder einmal, "dass Müller das Heft in seinem 
Haus nicht in der Hand hat", betonte Salomon.