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StZ: Disqualifiziert



Stuttgarter Zeitung, 15.11.01

> Absage des Atomgutachters
> Disqualifiziert
 
Allmählich wird es eng für Ulrich Müller. Fünf Wochen lang schwelt die 
Atomaffäre im Südwesten inzwischen, doch der für die Aufsicht 
zuständige Umweltminister kommt einfach nicht aus der Defensive 
heraus. Dass seine Beamten bei der Bewertung der Sicherheitsverstöße 
im Kernkraftwerk Philippsburg versagt haben, dass sie den Minister 
wochenlang nicht informierten, dass sie ihm auch eine weitere Panne 
tagelang verschwiegen - all das war ja schon peinlich genug. Nun aber 
setzt sich die Serie der Blamagen auch bei der Aufarbeitung der Affäre 
fort: Noch ehe der von Müller bestellte Gutachter für die Atomaufsicht 
mit der Arbeit beginnen konnte, hat er den Auftrag wieder 
zurückgegeben. Jetzt muss sich der Minister einen neuen Chefaufklärer 
suchen.

Seinen Rückzug begründete Serge Prêtre, der frühere Chef der Schweizer 
Atomaufsicht, mit hehren Motiven: Nicht die Person, die Sache solle im 
Vordergrund stehen. Und Müller lobte seinen Schritt auch noch als 
"Ausdruck von
 Sensibilität". Tatsächlich war Prêtre untragbar, seit vor zwei Wochen 
seine Thesen über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl publik wurden.
Die Strahlenangst nach dem Super-GAU als Massenhysterie - solche und
andere fragwürdige Äußerungen disqualifizierten ihn als Gutachter.
Wie sollte jemand das angeknackste Vertrauen in die Atomaufsicht
wiederherstellen, der selber so viel Anlass zu Misstrauen gibt? Von den Zweifeln an seinem Chefaufklärer erfuhr der Minister freilich
erst aus der Zeitung. Wieder einmal hatten ihn seine Beamten nicht
aufgeklärt, wen er sich da eigentlich eingehandelt hatte. Dass sie
an der Auswahl des Gutachters maßgeblich mitwirken durften, erscheint
ohnehin seltsam: Die zu Kontrollierenden suchen sich ihren Kontrolleur
selber aus - da lässt sich das Ergebnis erahnen. Etwas Autorität
hätte Müller zurückgewinnen können, wenn er Prêtre von sich aus
abgelöst hätte. Doch der Umweltminister war wieder einmal nicht die
treibende Kraft, sondern ein Getriebener. Und er bleibt unter Druck:
Ist der eigensinnige Schweizer als Vorsitzender der Kernkraftkommission
der Südländer nun noch tragbar?
Hat das Gremium, aus Protest gegen die Atomskeptiker in Berlin gegründet, überhaupt noch eine Existenzberechtigung? Es dürfte Müller nun noch schwerer fallen, das zu begründen. Nur mit einem raschen Befreiungsschlag kann der Umweltminister wieder in die Offensive kommen. Weitere Wochen darf die Atomaffäre jedenfalls nicht vor sich hin schwelen. Von Andreas Müller