HN-St: Atom-Gemeinden rechnen mit Niederlage
Heilbronner Stimme, 15.11.01
> Atom-Gemeinden rechnen mit Niederlage
> Gerichtsverhandlung zum Streit um das Zwischenlager - Wenig Hoffnung
in Gemmrigheim und Neckarwestheim
Von Joachim Rüeck
In den Rathäusern von Gemmrigheim und Neckarwestheim gibt es kaum noch
Hoffnung, dass der Rechtsstreit um das geplante atomare Zwischenlager
gewonnen wird. Seit dem gestrigen Verhandlungstermin vor dem
Verwaltungsgerichtshof Mannheim (VGH) sehen die Rathauschefs und ihre
Anwälte schwarz.
"Das Gericht kippt uns die Veränderungssperre ", war sich Gemmrigheims
Bürgermeisterin Monika Tummescheit nach der Mündlichen Verhandlung
sicher. "Diese Meinung teilt sogar unser Anwalt ", sagte sie gegenüber
unserer Zeitung.
Neckarwestheims Verwaltungschef Mario Dürr, der ebenfalls in der
Verhandlung dabei war, kam zur gleichen Einschätzung. Das Urteil wird
morgen Mittag verkündet.
Der Gemmrigheimer Gemeinderat möchte mit einer Überplanung des
Kernkraftwerksgeländes und besagter Veränderungssperre verhindern,
dass das Gemeinschaftskernkraftwerk Neckarwestheim (GKN) ein
unterirdisches Atomlager baut.
Auf den Ratsbeschluss hatten die Kraftwerksbetreiber mit einem
Normenkontrollverfahren reagiert. Während der gut eineinhalbstündigen
Verhandlung vor dem Verwaltungsgerichtshof warfen sie der Gemeinde
vor, ihre Politik ziele lediglich auf die Verhinderung des
Zwischenlagers ab.
Bis heute habe Gemmrigheim kein realistisches Konzept vorgelegt, was
auf der umstrittenen, rund zwölf Hektar großen Fläche stattdessen
gebaut werden soll, kritisierte GKN-Anwalt Klaus-Peter Dolde.
Zwar plane die Gemeinde nach eigenem Bekunden die Errichtung eines
Technologiezentrums. Da erst in 40 bis 50 Jahren mit dessen
Realisierung zu rechnen sei, sei das Vorgehen der Gemeinde
"unzulässige Vorratsplanung".
"Das Zwischenlager sperrt die Fläche für positive Nachfolgenutzungen
nach Abschaltung und Rückbau des GKN", argumentierte der Anwalt der
Gegenseite, Till Bannasch.
Gemeinsam mit Neckarwestheim erarbeite Gemmrigheim zurzeit einen
Bebauungsplan, der noch im November den Gemeinderäten vorgelegt werden
solle.
"In welche Richtung es gehen wird, war zu merken. Der Richter hat uns
ziemlich zerpflückt", meinte nach der Verhandlung Monika Tummescheit,
die zwölf Gemeinderatsmitglieder zu dem Termin begleiteten.
"Die Punkte der Gegenseite kamen so stichhaltig - unsere Argumente
konnten kaum gehört werden." Wie es weitergehen soll, wenn das
erwartete Urteil kommt, vermag sie noch nicht zu sagen.
" Das hängt davon ab, wie die Begründung aussieht. Falls die
Planungszeit von 40, 50 Jahren maßgeblich ist, haben wir keine Chance
für eine Revision." Die Gemeinde könne bestenfalls nachweisen, dass
sie keine blanke Negativ- oder Verhinderungsplanung betreibe, sondern
tatsächlich Konzepte für das Areal vorlegen könne.
Erste Konsequenzen zog gestern Abend der Neckarwestheimer Gemeinderat,
der im Kampf gegen das Atomlager an der Seite von Gemmrigheim steht.
Das Gremium vertagte auf Anraten der Anwälte den Beschluss zur
Überplanung des GKN-Geländes, der bei der Sitzung auf der Tagesordnung
gestanden war.
Gibt der Verwaltungsgerichtshof morgen tatsächlich dem GKN Recht, sind
die Chancen für die Zwischenlager-Gegner drastisch gesunken. Dass das
atomrechtliche Verfahren oder der Prozess um die Zuständigkeit von
Land oder Bund die Castor-Tunnels verhindern, glaubt kaum jemand.
15.11.2001