MaMo: Großeinsatz der Polizei verschafft Castor freie Fahrt / Bei Wörth
Mannheimer Morgen, 13.11.01
> Jeder, der auffällt, wird kontrolliert
> Großeinsatz der Polizei verschafft Castor freie Fahrt / Bei Wörth
stellen sich Demonstranten quer
Von unserem Redaktionsmitglied Anja Görlitz
In Hagenbach ist Sperrmüll. Außer ein paar alten Waschmaschinen steht in
dem Ort nahe der deutsch-französischen Grenze nichts und niemand auf den
Straßen. Es ist noch sehr ruhig, am Montagvormittag um halb zehn.
Das Bild ändert sich erstmals auf dem Parkplatz am Kulturzentrum. Hier
reiht sich ein grün-weißes Fahrzeug an das andere. Kleinbusse der Polizei
stehen neben denen des Bundesgrenzschutzes (BGS). Dazwischen wimmelt es
von Einsatzkräften. Sie sollen dafür sorgen, dass der zweite Castor-
Transport in diesem Jahr ungehindert von der französischen
Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Gorleben rollt. Aber noch hat der
Zug mit den sechs Atommüll-Behältern nicht einmal die deutsch-
französische Grenze bei Lauterbourg erreicht. Also warten die Beamten.
Und scherzen mit den Kindern, die vom Schulhof gegenüber neugierig das
Großaufgebot an Sicherheitskräften beäugen.
Auch im drei Kilometer entfernten Maximiliansau bei Wörth ist Warten
angesagt. Um einen rostigen blauen Kleinbus scharen sich etwa 30
Atomkraftgegner in dicken Jacken und Wollmützen. Unter dem mit Anti-Atom-
Sprüchen beklebten Fahrzeug liegen Schlafsäcke und Isomatten. Die meisten
haben die Nacht auf dem "Camp" am Wörther Badepark verbracht. Ein paar
kauen auf Brötchen herum, rauchen Zigaretten. Einer liest die FAZ. Sandra
Finnah trinkt heißen Tee. Es ist auch um kurz nach elf noch sehr kalt.
Warum sie in der Kälte steht? "Um das Problem der Atommülltransporte im
Gespräch zu halten", sagt sie. Natürlich weiß sie, dass die Castoren auch
diesmal ihr Ziel erreichen werden. "Darum geht es auch nicht. Die
Versuche, den Zug aufzuhalten, sind mehr eine symbolische Aktion", sagt
Heidi Lindstedt, Sprecherin der Südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen.
Zeigen, dass man den Ausstieg aus der Atomenergie sofort will. Etwas mehr
Beteiligungen hätte sie sich heute dabei schon gewünscht.
Auf dem Supermarktparkplatz gegenüber sammeln sich in der Zwischenzeit
immer mehr Polizeifahrzeuge. Die Beamten haben die Atomkraftgegner genau
im Blick. So, wie sie an diesem Mittag eigentlich alles im Blick haben,
was sich rund um die etwa elf Kilometer lange Bahnstrecke zwischen Lauterbourg
und Wörth abspielt. Überall stehen inzwischen Polizisten und Beamte des BGS.
Kaum eine Ecke, an denen nicht ein Polizeibus wartet. Jeder, der "irgendwie
auffällt", wird kontrolliert.
Um kurz vor eins haben die Atomkraftgegner genug vom Warten und von der
Kälte. Sie laufen zu einer Spontandemo los, "sich mal ein bisschen bewegen",
wie es Herbert Würth vom Aktionsbündnis Castor-Widerstand Neckarwestheim
ausdrückt. Er läuft vorneweg und tut unterwegs die Meinung der gut
40 Demonstranten kund - "Atomkraftwerke abschalten. Sofort." Ein
Polizeiwagen folgt der kleinen Kundgebung. Der Castor sei gleich da,
sagt Würth plötzlich. Die Demonstranten beschleunigen ihren Schritt,
hängen das Polizeifahrzeug in einem Wohnviertel ab. Sie wollen auf die
Gleise. Nur eine Straßenseite trennt sie noch von ihrem Ziel, da stehen
sie vor einer Polizeisperre.
Dann geht alles ganz schnell. Viel Geschrei, ein paar rennen los, eine
Flasche zerplatzt. Polizisten stürzen sich auf Demonstranten, werfen
einige zu Boden, halten sie dort fest. Ein paar schaffen es noch ein Stück
weiter, bis zu den Schäferhunden. Dann ist auch für sie Endstation. In zwei
Minuten ist der Spuk vorüber, die Polizei hat alles unter Kontrolle. Eine
Demonstrantin weint. Herbert Würth steht neben einem Einsatzwagen und trägt
Handschellen. Seine Kollegen treten den Rückzug an. Ein paar Straßen weiter
versuchen sie erneut ihr Glück.
"Ein paar haben es dort noch auf die Gleise geschafft und mussten weggetragen
werden", sagt Heidi Lindstedt später einigermaßen zufrieden. Zu diesem Zeitpunkt
wartet der Castor-Zug schon im Bahnhof Wörth auf die deutsche
Lok für seine Weiterfahrt. Und Heinz Hussy, Pressesprecher der Polizei
vor Ort, sagt: "Der Zug hat um 14.10 Uhr die Grenze passiert und ist um
14.30 Uhr in Wörth angekommen. Unterwegs gab es keine Probleme. Etwa 20
Demonstranten wurden von der Polizei daran gehindert, die Gleise zu
betreten. Einer wurde in Gewahrsam genommen." Mehr weiß er zurzeit noch
nicht. Ob er mit dem Einsatz zufrieden ist? Er lacht. "Ja natürlich".
Soweit man eben mit so einem Einsatz zufrieden sein kann.
© Mannheimer Morgen – 13.11.2001