StN: Atomgutachter Prêtre geht in Offensive
Stuttgarter Nachrichten, 07.11.01
> Atomgutachter Prêtre geht in Offensive
Wissenschaftler weist Kritik zurück - Umgang mit Störfällen ohne Beispiel
Stuttgart - Der für die Überprüfung der Stuttgarter Atomaufsicht
vorgesehene Wissenschaftler Serge Prêtre hat die Kritik an seiner
Einstellung zur Kernenergie zurückgewiesen.
VON ARNOLD RIEGER
Der einstige Chef der Schweizer Atomaufsicht fühlt sich missverstanden:
Seine früheren Äußerungen zur Reaktorkatastrophe Tschernobyl, die ihm die
Landtagsopposition vorhält, seien ¸¸aus dem Zusammenhang gerissen und
provokativ aneinander gereiht'' worden, sagte er gegenüber unserer
Zeitung. Prêtre war von SPD und Grünen als ¸¸glatte Fehlbesetzung'' für
die Gutachteraufgabe bezeichnet worden, da er ¸¸skandalöse'' Äußerungen
gemacht habe.
Unter anderem wird ihm vorgehalten, dass er 1992 im Fachblatt
¸¸Atomwirtschaft'' Strahlenphobie als ¸¸psychische Epidemie'' und die
Reaktionen auf den Super-GAU als überzogen bezeichnet hatte. Dies bringe
seine Haltung zu Tschernobyl aber nicht auf den Punkt, so Prêtre jetzt.
Seine Einstellung zur Kernenergie beschreibt er als ¸¸positiv'', wenn die
Sicherheit der Anlagen ¸¸auf einem hohen Niveau'' gehalten würden. ¸¸Ich
glaube, dass die Menschheit die Kernenergie bald benötigen wird. Wir müssen
daran arbeiten, sie als Werkzeug bereitzuhalten.''
Der mittlerweile pensionierte Wissenschaftler bekräftigte seine Bereitschaft,
die Stuttgarter Atomaufsicht als einer von mehreren Gutachtern ¸¸ohne
vorgefasste Meinung'' zu überprüfen. Ob es zu dem Auftrag kommt, soll sich
laut Umweltministerium aber erst in den nächsten Tagen entscheiden: Umweltminister
Ulrich Müller hatte sich am Freitag von Prêtres früheren Äußerungen zu Tschernobyl
distanziert: ¸¸Die jetzt öffentlich diskutierten Aussagen von Herrn Dr. Prêtre
waren uns bisher nicht bekannt; sie würden auch nicht unserer Auffassung entsprechen.''
Grünen-Fraktionschef Dieter Salomon hält dies für unglaubhaft: ¸¸Müllers Abteilungsleiter
Keil wusste mit Sicherheit, was Prêtre früher geschrieben hat. Nur Müller
selbst wusste mal wieder nichts.''
Das Umweltministerium prüft derweil den Bericht, den die EnBW über ihren Umgang
mit Reaktorstörfällen verfasst hat. Im Bundesumweltministerium liegen bisher
keine Erkenntnisse vor, dass auch andere Bundesländer mit der Notkühlung ähnlich
fahrlässig umgingen wie die Südwest-Reaktoren. ¸¸Uns ist nicht bekannt, dass es
vergleichbare Vorfälle gab'', so ein Behördensprecher.
EnBW-Chef Goll hatte im Oktober gemutmaßt, die baden-württembergischen
Vorkommnisse seien kein Einzelfall. Allerdings wirft Trittin dem
Betreiber des hessischen Reaktors Biblis vor, er habe in den vergangenen
zwei Jahren mehrfach gegen die Pflicht zur Meldung von Betriebsstörungen
verstoßen. Dabei ging es aber nicht um das Notkühlsystem. Wegen der
Störfälle ermittelt die Staatsanwaltschaft mittlerweile nicht nur gegen
das Kraftwerk Philippsburg, sondern auch gegen Neckarwestheim.