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SWP: Strahlenmüll im Stollen



Südwestpresse, 07.11.01

> Atomenergie / Streit um Neckarwestheimer Plan
> Strahlenmüll im Stollen

Depots müssen vor Terroranschlägen geschützt sein Für neue Atommülldepots 
gelten seit den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten schärfere 
Sicherheitsbestimmungen. Die Stollen eines Zwischenlagers für die 
Kernkraftwerke in Neckarwestheim wären beim Absturz eines Flugzeugs 
besonders gut geschützt.

HANS GEORG FRANK

HEILBRONN· Bruno Thomauske, Physiker beim Bundesamt für Strahlenschutz 
(BfS), hört sich seit gestern in einer Heilbronner Sporthalle die 
Argumente von 3488 Atomkraftgegnern an. Bei der vorgeschriebenen 
Erörterung kommen alle Einwendungen gegen den geplanten Bau eines 
atomaren Zwischenlagers in Neckarwestheim zur Sprache. Die Behörde mit 
Sitz in Salzgitter will bis Ende 2002 eine Entscheidung treffen.

Die Betreiber der beiden Neckarwestheimer Kernkraftwerke wollen 151 
Castor-Container in zwei parallel verlaufenden Tunnels abstellen. Die 
Röhren sind bis zu 90 Meter lang, 18 Meter hoch und 14 Meter breit. Darin 
könnten 1600 Tonnen hoch radioaktives Schwermetall gelagert werden. Der 
Abfallbunker unter den Verwaltungsgebäuden wird nach bisherigen 
Berechnungen 65 Millionen Mark kosten.

Die Stollen sollen gemäß dem Atomkonsens 40 Jahre lang genutzt werden. 
Danach müsste der Atommüll in ein zentrales Endlager gebracht werden, das 
noch nicht existiert. Werner Zaiss, Geschäftsführer des 
Gemeinschaftskraftwerks Neckarwestheim GKN, schließt eine Gefährdung der 
Bevölkerung selbst bei ¸¸extremen äußeren Einwirkungen'' aus.

Düsteres Szenario

Die meisten Gegner des Vorhabens trauen Zaiss' Beteuerungen nicht. Sie 
bezweifeln, dass die Castoren vier Jahrzehnte lang dicht bleiben. Bei 
einem Defekt wäre eine Reparatur vor Ort nicht möglich. Wolfram 
Scheffbuch, ein Sprecher der Bürgerinitiativen, befürchtet eine massive 
Gesundheitsgefährdung: ¸¸Die Krebsrate wird steigen, Luft, Erde und 
Wasser werden vergiftet.''

Die Neckarwestheimer Lösung ist nach Thomauskes Angaben ¸¸einzigartig in 
Deutschland''. Die anderen 17 Lager bei den deutschen Nuklearmeilern 
würden in Hallen mit einer Wandstärke von 75 bis 130 Zentimetern 
untergebracht.

Bis 11. September mussten Sicherheitsvorkehrungen nur gegen den Absturz 
einer schnell fliegenden Militärmaschine getroffen werden. Seit den 
Anschlägen will das BfS auch Nachweise über den Schutz gegen voll 
betankte Verkehrsflugzeuge. Die Experten der Genehmigungsbehörde wissen 
nicht, ob die Turbine eines Jets den Castor knacken und damit eine 
Atomkatastrophe auslösen kann. Sollten sich Zweifel ergeben, wären 
stabilere Ausführungen nötig. Diese Auflage, betonte Thomauske, betreffe 
jedoch keine bestehenden Anlagen. Das GKN 1 halte nicht einmal dem 
Aufprall einer ¸¸Phantom'' stand, doch deshalb sei die Genehmigung nie 
widerrufen worden.

Die Castor-Schächte könnte eine 15 Meter dicke Gesteinsschicht vor 
Terrorangriffen schützen. Für den Geologen Hermann Behmel ist der frühere 
Steinbruch jedoch ¸¸von Grund auf unsicher''. Er kritisierte, dass das 
Gelände nicht speziell untersucht worden sei, obwohl wegen vieler 
Hohlräume jederzeit Schächte einbrechen könnten, ¸¸wodurch Steuer- und 
Versorgungsleitungen abgebrochen werden können''.

Die Dauer der Erörterung in Heilbronn, die durch einen 
Befangenheitsantrag unterbrochen wurde, ließ sich gestern nicht absehen. 
Kritiker bezweifelten die Zuständigkeit des Bundesamts und verlangten 
eine Aussetzung des Verfahrens bis zu einem Urteil des 
Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg. Dort ist eine Klage der 
Bürgerinitiativen anhängig, über die vermutlich im Dezember entschieden 
wird.