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Pf.Ztg: "Verschärfte Atom-Kontrolle"



Pforzheimer Zeitung, 05.11.01

> "Verschärfte Atom-Kontrolle" 

Minister kündigt unangekündigte Überprüfungen an STUTTGART. Als Reaktion 
auf die Sicherheitspannen in den drei baden-württembergischen 
Atomkraftwerken will die Landesregierung ihre Überprüfungen der Anlagen 
nach eigenen Angaben verschärfen. 

Bernd Glebe "Wir müssen mehr tun als bisher und die Kontrollpraxis 
ändern", sagte Umweltminister Ulrich Müller (CDU) in den "Stuttgarter 
Nachrichten" (Samstag). "Das kann so weit gehen, dass wir die Anlagen 
nicht nur unangemeldet im Normalbetrieb prüfen, sondern auch die 
Schichtleitung beim Anfahren eines Reaktors nach der Jahresrevision 
kontrollieren."

Vor kurzem war bekannt geworden, dass nicht nur im Atomkraftwerk 
Philippsburg, sondern auch in Neckarwestheim und Obrigheim über Jahre 
hinweg die Flutbehälter für die Notkühlung der Reaktoren nicht 
vorschriftsmäßig gefüllt waren. Dies war der Atomaufsicht im 
Umweltministerium nicht gemeldet oder von den Gutachtern des TÜV nicht 
bemerkt worden. Der Umweltminister sprach sich für weit reichende 
Konsequenzen aus, "damit sich solche Versäumnisse wie in Philippsburg 
nicht wiederholen können". So plant das Ministerium eine Reform der 
Meldepflicht. Bei "20 bis 30 meldepflichtigen Zwischenfällen pro Jahr" 
allein in BadenWürttemberg "müssen jetzt alle mehr Sensibilität an den 
Tag legen", sagte Müller dem Blatt. Zugleich forderte er 
Bundesumweltminister Trittin (Grüne) auf, gemeinsam mit den Bundesländern 
die Betriebshandbücher für die 19 Kernkraftblöcke in Deutschland komplett 
zu überarbeiten. "Bisher scheint mir da einiges zu undurchsichtig."

Der Umweltminister bleibt wegen der Atompannen dennoch weiter unter 
Druck. Die Landtagsfraktionen von SPD und Grünen lehnten den von Müller 
berufenen Kontrolleur der Atomaufsicht, Serge Pretre, ab. Müller hatte 
den Schweizer nach den Pannen im Atomkraftwerk Philippsburg beauftragt, 
die Abteilung Reaktorsicherheit im Ministerium zu überprüfen. Müller 
distanzierte sich aber von ihm, nachdem die "Stuttgarter Zeitung" am 
Freitag berichtet hatte, Pretre habe nach der Reaktorkatastrophe von 
Tschernobyl die Auffassung vertreten, die Aufregung sei nicht mehr als 
eine Massenhysterie gewesen. Pretre werde zu einer Stellungnahme 
aufgefordert, erklärte das Umweltministerium.

"Pretre ist genau der Richtige, um die Atomaufsichtsbehörde unter 
Umweltminister Müller gesund zu beten", sagte Grünen-Fraktionschef Dieter 
Salomon. Auch Wolfgang Drexler, Fraktionsvorsitzender der SPD, forderte 
Müller erneut auf, aus den Pannen in den Atomkraftwerken persönliche und 
politische Konsequenzen zu ziehen. Die FDP forderte als Konsequenz aus 
den Atompannen im Südwesten, das Gutachter-Monopol des TüV zu brechen. 
Durch Ausschreibungen müsse Konkurrenz geschaffen werden, sagte FDP-
Fraktionschef Ernst Pfister. Mit Blick auf die Vorfälle in den drei baden-
württembergischen Atommeilern erhob der Minister zugleich schwere 
Vorwürfe gegenüber dem Betreiber, der Energie Baden-Württemberg (EnBW): 
"Jahrelang hat es bei den Betreibern offenbar eine Sicherheitskultur nach 
dem Motto gegeben: Nicht jede Vorschrift ist ernst zu nehmen, es gibt ja 
genug Sicherheitspolster. Diese Mentalität halte ich für verhängnisvoll." 
Einen Rücktritt als Minister schloss Müller erneut aus: Er habe keinen 
Fehler begangen und: "Ich habe auf niemanden Einfluss genommen und nichts 
vertuscht."

Die Feiern zum 25-jährigen Bestehen des Gemeinschaftskraftwerks 
Neckarwestheim stehen angesichts der Atomaffäre unter keinem guten Stern. 
Am kommenden Dienstag (6. November) sollen die Feierlichkeiten beginnen. 
Am selben Tag beginnt die Erörterung über das umstrittene unterirdische 
Zwischenlager, gegen das Bürger insgesamt 3488 Einwände gesammelt und dem 
Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) übergeben hatten. Ein geladener Gast 
wird der Jubiläumsfeier im GKN voraussichtlich fern bleiben. Der Mainzer 
Medizinstatistiker Jörg Michaelis sollte über die Häufigkeit von 
Krebserkrankungen im Umkreis von Atomanlagen referieren. Der Direktor des 
Instituts für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik sagte 
jedoch der dpa, er fühle sich als geladener Redner im Festprogramm 
zwischen Satire und Jazz nicht am rechten Platz.