StN: Teils über Jahre hinweg Vorschriften gezielt umgangen
Stuttgarter Nachrichten, 03.11.01
> Teils über Jahre hinweg Vorschriften gezielt umgangen
Berlin/Bonn - Die Serie der Verstöße gegen die Betriebsvorschriften in
mehreren Atomkraftwerken muss nach Ansicht des Bundesumweltministeriums
Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Betreibern,
Länderaufsichtsbehörden und Gutachtern haben.
VON STEFFEN HERRMANN
Berliner Redaktion
"Wenn Betriebshandbücher als Richtwerte, nicht aber als verbindliche
Vorschrift betrachtet werden und wenn weder Gutachter noch die
Länderatomaufsicht sich an dieser Praxis stoßen, dann deutet dies auf
eklatante Mängel im Sicherheitsverständnis der Beteiligten hin'', sagte
Bundesumweltminister Jürgen Trittin. Ein Ausschuss der
Reaktorsicherheitskommission hatte bei einer Anhörung von Vertretern der
Betreiber und der baden-württembergischen Atomaufsicht festgestellt, dass
in den Atomkraftwerken Obrigheim und Neckarwestheim I zum Teil über Jahre
hinweg gegen die Vorgaben des Betriebshandbuchs verstoßen wurde.
Allerdings scheinen diese Fälle nach bisherigen Erkenntnissen nicht die
gleiche Tragweite zu haben wie die Vorkommnisse im AKW Philippsburg II.
Dort sei der Reaktor im August über Tage hinweg im sicherheitstechnischen
"Bl
indflug'' betrieben worden, weil die Notkühleinrichtungen nicht in ordnungsgemäßem Zustand waren, so das Bundesumweltministerium.
Zu einer abschließenden Bewertung dieser Vorkommnisse sah sich der Ausschuss noch nicht in der Lage. Er hält vertiefte Einzelanalysen für erforderlich. Nächste Woche will die Reaktorsicherheitskommission ihre Beratungen f
ortsetzen. Am 7. November tagt der Ausschuss "Reaktorbetrieb'', am 8.
November hat die Reaktorsicherheitskommission eine Sitzung.
Trittin hatte bereits vergangene Woche die Atomaufsichtsbehörden der
Länder aufgefordert, das Qualitätsmanagement, vor allem die Arbeit der
Sachverständigen und das Zusammenspiel von Sachverständigen und Behörde,
zu überprüfen. "Unser Augenmerk richtet sich nicht nur auf das
Sicherheitsmanagement der Betreiber, sondern auch auf die Effektivität
der Prüfungen durch Gutachter und zuständige Landesaufsichtsbehörden'',
sagte Trittin. "Wir stehen vor der Aufgabe, hier klare Regeln zu
entwickeln, welche die Unabhängigkeit der Gutachter sicherstellen und die
Wirksamkeit der Aufsichtsbehörden garantieren.''