StN: Auch in Neckarwestheim liegen die Nerven blank
Stuttgarter Nachrichten, 31.10.01
> Auch in Neckarwestheim liegen die Nerven blank
Panne von 1997 wurde offenbar in Absprache mit dem Tüv nicht gemeldet -
Gemeinde geht auf Distanz Neckarwestheim - Die Sicherheitspannen in den
Atomkraftwerken haben die Landespolitik erschüttert. Bei der Belegschaft
im Kraftwerk Neckarwestheim liegen die Nerven blank.
Von unserem Reporter
MICHAEL ISENBERG, Neckarwestheim
Die Damen und Herren vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg hatten sich
gefreut - doch die angekündigte Besichtigung des Leitstandes im
Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar (GKN) vergangene Woche blieb den
Ausflüglern verwehrt. Seit den Terroranschlägen in den USA dürfen nur
noch ¸¸überprüfte Leute'' auf das Gelände.
Der Ausschluss der Öffentlichkeit kommt den GKN-Verantwortlichen gelegen.
¸¸Wir dürfen nichts sagen'', sagt Sprecher Uwe Mundt, ¸¸und wir haben
auch nichts zu sagen.'' Auskünfte gibt nur die Energie Baden-Württemberg
(EnBW), doch die tut sich mit der Stellungnahme schwer. Fragen zum GKN
bleiben am Montag unbeantwortet.
Am 22. Oktober, als die Pannenserie im Atomkraftwerk Philippsburg längst
zu einem politischen Skandal eskaliert ist, lässt das Stuttgarter Umwelt-
und Verkehrsministerium sämtliche Kernkraftwerke im Land auf
vergleichbare ¸¸Abweichungen von den Betriebsvorschriften'' überprüfen.
Vier Tage später stehen auch Obrigheim und das GKN auf der Schwarzen
Liste.
Im Juni 1997 wurde der Block I des GKN zur Jahresrevision abgeschaltet.
Als der Reaktor vier Wochen später wieder startete, geschieht das, was
die EnBW am Freitag als unerklärliche ¸¸Regelabweichung'' bezeichnet. Ein
Insider erinnert sich: ¸¸Beim Anfahren des Reaktors ist die zeitliche
Disposition durcheinander gekommen. In allen vier Flutbehältern des
Notkühlsystems wurde deshalb der vorgeschriebene Pegel an Kühlflüssigkeit
um vier Proze
nt unterschritten. Das wurde den anwesenden Tüv-Gutachtern mitgeteilt.''
Bestätigt hat das bisher niemand, doch die Schilderung ist glaubhaft.
16 Stunden dauert es, bis der Pegel in den drei vorgeschriebenen
Flutbehältern Sollhöhe hat. Während dieser Zeit (im nicht nuklearen Stadium)
läuft der Reaktor außerhalb der Vorschriften. ¸¸Man hat zehn Minuten lang mit
den Tüv-Leuten diskutiert, wie der Vorfall einzuordnen sei und ob er zu melden
wäre'', sagt der Insider. Die Ingenieure entschieden sich fürs Stillhalten.
¸¸Das war ein formaler Fehler, den man aus heutiger Sicht unterlassen hätte.''
Die Sicherheit der Anlage sei aber ¸¸nie beeinträchtigt'' gewesen. Der Anfang
2000 ausgeschiedene kaufmännische Geschäftsführer des GKN, Hans Wiedemann,
beteuert gegenüber unserer Zeitung, er habe von der fehlenden Kühlflüssigkeit
¸¸nie etwas erfahren''. Ob Werner Zaiss, damals wie heute technischer
Geschäftsführer, gleichfalls unwissend blieb, steht dahin. Der Insider glaubt,
dass ¸¸Zaiss das sicher mitbekommen hat''.
Bei den über 1000 Ingenieuren und Mitarbeitern des GKN liegen die Nerven
blank. Die Demonstrationen um die Castortransporte, die Auseinandersetzung
um ein Interims- und ein Zwischenlager auf dem Betriebsgelände sowie der
politische Widerstand in den umliegenden Gemeinden setzen der Belegschaft
zu. Als Ende 1999 der Atomausstieg beschlossen wurde, sagte Wiedemann, er
und seine Mitarbeiter fühlten sich ¸¸wie zum Abschuss freigegeben''.
Nun heißt der Buhmann erneut Jürgen Trittin. ¸¸Der Bundesumweltminister
und alle Experten aus der Politik irren, wenn sie meinen, man könne eine
komplexe Anlage wie ein Atomkraftwerk ausschließlich nach den
Vorschriften auf dem Papier fahren'', sagt der Fachmann. ¸¸Es braucht
immer zusätzlich den Verstand und das Fingerspitzengefühl der Techniker -
alles andere wäre blauäugig.'' Mit den Kontrolleuren vom Tüv sei ein
¸¸Hand-in-Hand-Arbeiten'' möglich gewesen. Doch erst die Nähe der
Ingenieure zueinander, die gemeinsame Aufgabe und dieselbe Sprache haben
das fatale Fehlermanagement ermöglicht. Ohne eine unabhängige
Kontrollinstanz wird sich daran nichts ändern. ¸¸Wenn die
Kraftwerksmannschaft mauscheln wollte, würde das kein Tüv-Prüfer
bemerken'', räumt der Insider ein.
In Neckarwestheim hört man die neuesten Nachrichten aus dem GKN mit
wachsender Sorge - und geht weiter auf Distanz. Die unbekümmerten Zeiten,
als der stellvertretende Bürgermeister Wiedemann (CDU) unmittelbar aus
dem Kraftwerk berichten konnte, sind vorbei. ¸¸Unser Verhältnis zum GKN
wird immer schwieriger'', klagt Kämmerer Walter Link. Seit die EnBW die
Geschäfte übernommen habe, heißt es im Ort, werde das GKN immer öfter
¸¸von der Karlsruher Konzernzentrale ausgebremst''.