StZ: "Keine neuen Zweifel an Zuverlässigkeit"
Stuttgarter Zeitung, 31.10.01
> "Keine neuen Zweifel an Zuverlässigkeit"
> EnBW: Verstöße in weiteren Reaktoren weniger gravierend - Grüne
vermuten Geld als Motiv
STUTTGART. Die Sicherheitspannen in Philippsburg sind aus Sicht der
Energie Baden-Württemberg (EnBW) nicht mit Verstößen in zwei anderen
Kraftwerken zu vergleichen. Dagegen vermuten die Grünen die gleiche
Ursache hinter allen Regelabweichungen.
Von Andreas Müller
Ob in Philippsburg, in Neckarwestheim oder in Obrigheim - überall ging es
um das Notkühlsystem, die Füllstände in den Flutbehältern und die
Borkonzentration in der Kühlflüssigkeit. Doch damit sind die
Gemeinsamkeiten für EnBW-Chef Gerhard Goll auch schon erschöpft. Zwischen
den Vorkommnissen vom Sommer diesen Jahres in Philippsburg und den Ende
voriger Woche gemeldeten Abweichungen in Neckarwestheim und Obrigheim
gebe es einen "gravierenden Unterschied", sagte Goll nach der Auswertung
der Befunde: Dort sei sich das Personal jederzeit über den
"sicherheitstechnisch einwandfreien Zustand der Anlage" im Klaren
gewesen. Die Frage nach der Zuverlässigkeit des Betreibers stelle sich in
diesen beiden Fällen daher nicht, betonte Goll.
Die Grünen im Landtag vermuten dagegen in allen drei Anlagen
wirtschaftliche Gründe für die Verletzung der Sicherheitsvorschriften.
Fraktionschef Dieter Salomon sagte, durch das regelwidrige Vorgehen
könnten die Reaktoren nach der Revision schneller wieder Strom
produzieren. Jeder Tag, an dem sie früher in Betrieb gingen, bringe dem
Betreiber mindestens eine Million Mark. "Wirtschaftliche Aspekte",
argwöhnt Salomon, hätten für die EnBW of
fenbar Vorrang vor der Sicherheit. Es könne kein Zufall sein, dass in Philippsburg 16 Jahre lang gegen Vorschriften verstoßen worden sei und ähnlich gelagerte Fälle nun auch aus Neckarwestheim und Obrigheim bekannt würden
.
Der Grünen-Fraktionschef forderte die Reaktorsicherheitskommission auf, diesen Verdacht gründlich zu prüfen. Heute und am nächsten Mittwoch tritt das Gremium zusammen, um sich mit den Vorfällen in den drei baden-württembe
rgischen Kernkraftwerken zu befassen. Bundesumweltminister Jürgen Trittin hatte der EnBW vorgeworfen, die bisher eingereichten Unterlagen zu den neu bekannt gewordenen Verstößen seien unzureichend. Der Bund für Umwelt und
Naturschutz (Bund) forderte Trittin unterdessen auf, härtere Konsequenzen aus der Pannenserie zu ziehen. Nicht nur die Betreiber und die Landesregierung hätten bei der Atomaufsicht versagt, sondern auch die Bundesregieru
ng.
Die Regelverstöße in Neckarwestheim und Obrigheim erklärte EnBW-Chef Goll zum Teil mit mangelhaften Betriebshandbüchern. Einige Angaben seien missverständlich und widersprüchlich. Als Konsequenz forderte er eine Neuordnun
g des Reglements, das mit den Behörden und Aufsichtsgremien abgestimmt
sei. "Wir müssen zur Situation kommen, dass die Vorschriften eindeutig
sind", betonte Goll. Eine Gefahr hat in Philippsburg nach seinen Worten
trotz der Mängel im Notkühlsystem nicht bestanden. Dies habe ein von der
EnBW veranlasster Versuch ergeben. In seiner Einschätzung sei er "heute
noch sicherer als vor einigen Tagen", sagte der Konzernchef. Er zeigte
sich zuversichtlich, dass der seit 8. Oktober stillgelegte zweite
Reaktorblock bald wieder ans Netz gehen werde. Früheren Angaben zufolge
rechnet die EnBW damit Ende November. Gelassen reagierte Goll auf die
Drohung von Trittin, Philippsburg ganz abzuschalten, wenn nicht alle
Zweifel an der Zuverlässigkeit der EnBW ausgeräumt seien. Diese Äußerung
des Ministers sei nichts Neues, sondern eine "selbstverständliche
Wiederholung".
Unterdessen wurde bekannt, dass der zweite Block des Kernkraftwerks
Neckarwestheim nach der Revision weiter abgeschaltet bleibt. Ursprünglich
sollte er heute wieder ans Netz gehen. Nach Angaben des
Landesumweltministeriums waren dort vier Ereignisse von "geringer
sicherheitstechnischer Bedeutung" festgestellt worden. Obwohl es sich
lediglich um so genannte Normalmeldungen handelte, habe das Ministerium
sofort eine eigene Bewertung für die Information der Öffentlichkeit
vorgenommen.