SWP: Schlamperei ohne Ende
Südwestpresse, 27.10.01
> ATOMKRAFT / Vorschriften in Obrigheim und Neckarwestheim missachtet
> Schlamperei ohne Ende
Umweltminister Müller und ENBW-Chef Goll massiv unter Druck Die Pannen in
den Atomkraftwerken reißen nicht ab. Auch in Obrigheim und Neckarwestheim
wurden Vorschriften missachtet. Landesumweltminister Ulrich Müller gerät
gewaltig unter Druck.
STUTTGART· Der Stromkonzern Energie Baden-Württemberg (ENBW) musste
gestern zugeben, dass es auch in den Atomreaktoren Obrigheim und
Neckarwestheim in den vergangenen Jahren Versäumnisse gegen
Sicherheitsbestimmungen gegeben hatte. Der zweite Reaktor des Kraftwerks
Philippsburg ist deshalb bereits seit Anfang des Monats vom Netz. Ob
weitere Reaktoren abgeschaltet werden müssen, ließ die Betreiberfirma
offen.
ENBW teilte mit, dass wie in Philippsburg auch in den Anlagen in
Obrigheim und Neckarwestheim vorübergehend zu wenig Kühlflüssigkeit in
den Notkühlsystemen vorhanden waren. In Obrigheim sei auch die wichtige
Borkonzentration in den Flutbehältern mehrmals fehlerhaft gewesen.
ENBW-Chef Gerhard Goll und der für die Atomaufsicht zuständige Landesumweltminister Ulrich Müller stehen wegen dieser Pannen massiv in der Kritik. Insbesondere wird ihnen vorgeworfen, mit ihrem Wissen über die Versäumniss
e nicht rechtzeitig an die Öffentlichkeit gegangen zu sein.
Goll kündigte gestern erneut an, dass die ENBW einen neutralen nuklearen Sonderbeauftragten einsetzen werde, der die komplette Sicherheitstechnik der ENBW-Anlagen unter die Lupe nehmen soll.
SPD und Grüne verlangten abermals den Rücktritt von CDU-Minister Müller.
Sie warfen ihm vor, die Öffentlichkeit über die Pannen in Philippsburg
belogen zu haben. In Kreisen der CDU/FDP-Koalition wurde bestätigt, dass
Müller im eigenen Ministerium erst mit sechs Tagen Verzögerung über eine
weitere Sicherheitspanne in Philippsburg in Kenntnis gesetzt worden sei.
Die CDU stellte sich erneut hinter den Umweltminister. Fraktionschef
Günther Oettinger erklärte, der Vorwurf, Müller habe gelogen, sei
haltlos. Die mitregierende FDP forderte personelle Konsequenzen innerhalb
des Ministeriums. dpa/AP