StZ: Schwere Sicherheitsmängel - Notbremse Kühlwasser
Stuttgarter Zeitung, 25.10.01
> Schwere Sicherheitsmängel
> Notbremse Kühlwasser
Jeden Tag kommen zurzeit neue Fakten über Zwischenfälle im Reaktor
Philippsburg ans Licht. Der Schlendrian in puncto Sicherheit könnte im
Falle eines Falles ernsthafte Konsequenzen haben.
Von Tobias Beck
Im August diese[]s Jahres schien alles noch ganz harmlos. Ein einfacher
kleiner Defekt im Notkühlsystem. Sogar der Tüv war sich damals sicher:
Kein schwer wiegender Fehler, kein Grund zur Panik. Zwei Monate später
sieht alles ganz anders aus. Gravierende Störungen im Notkühlsystem von
Block 2 führten nicht nur zur Abschaltung des Reaktors, sie legen auch
schwere Mängel im Umgang mit dem ganzen Sicherheitssystem offen und
ziehen weite Kreise in der Politik.
Ausgangspunkt für die Pannenserie war die Inbetriebnahme des Reaktors
nach der alljährlich stattfindenden Revision in diesem Sommer. Im Rahmen
der Arbeiten wurden auch die Flutbehälter des Sicherheitssystems mit
neuem Kühlmittel befüllt. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der
Notkühlung eines Reaktors. Im gesamten Sicherheitskonzept sitzt die
Notkühlung an dritter und letzter Stufe. Sie ist gewissermaßen die
Notbremse für den Atommeiler. Läuft alles nach Plan, dann werden die
Flutbehälter und ihre Füllung nie benötigt.
Die Kühlung eines Reaktors übernehmen im Normalbetrieb vier unabhängige primäre Hauptkühlsysteme. Mit einem Druck von mehr als 150 bar pumpen sie Kühlwasser durch den Kern und führen die Wärme an einen zweiten Kühlwasserk
reislauf ab, der diese über große Turbinen in elektrische Energie umwandelt. Erst im Falle eines Lecks im Primärkreislauf muss die Notkühlung eingreifen. Sie pumpt dann neues Kühlwasser aus den Flutbehältern in den Reakto
r. Sind auch diese Behälter leer, sammelt eine Umwälzpumpe das ausgelaufene Kühlwasser am Boden und benutzt es erneut.
Die Gefahr bei einem solchen Unfall ist dabei nicht eine Kettenreaktion wie bei der Atombombe. Die kann es – zumindest bei einem Reaktor wie er in Philippsburg steht – selbst bei einem ungekühlten Reaktor nicht geben. Der
heiße Kern läuft bei zu wenig Kühlung vielmehr Gefahr, allein durch die Nachwärme zu schmelzen – auch das wäre ein Super-GAU. Beim Hochfahren von Block 2 in Philippsburg im August wurde nun, wie sich jetzt zeigt, die Fun
ktionsfähigkeit eben dieser Notbremse sträflich vernachlässigt. Nicht nur, dass das Wasser im System einen zu geringen Borgehalt aufwies – das chemische Element dient der Absorption der bei der Kernreaktion entstehenden N
eutronen. Auch die Pegelstände in den Flutwasserbehältern waren zum Teil mehrere Meter zu tief. Im Zweifelsfall hätten somit mehrere tausend Liter Kühlmittel überhaupt nicht zur Verfügung gestanden.
Glücklicherweise sind im Vergleich zu Atommeilern in anderen Ländern die
deutschen Kernkraftwerke weit gehend sicher. Die Notkühlung ist auch
nicht der einzige Strohhalm, an den man sich – kommt es zum Störfall –
klammern kann. Sie ist vielmehr Teil eines großen Sicherheitssystems, das
je nach Schwere des Vorfalls immer ganz gezielt eingreifen kann und
selbst noch mehrfach gesichert ist. Doch zu niedrige Füllstände fallen
nicht umsonst unter die Störfallkategorie S für Sofortmeldung und ziehen
normalerweise eine unmittelbare Untersuchung nach sich. Zu laxer Umgang
mit einzelnen Bestimmungen kann das ganze Sicherheitskonzept eines
Reaktors hinfällig werden lassen. Wenn sich dieser Umgang wie im Fall
Philippsburg noch über Jahre hinzieht ist das – obwohl eigentlich gar
nichts passiert ist – gerade beim Thema Kernkraft mehr als kritisch.